Micah P. Hinson - Micah P. Hinson And The Pioneer Saboteurs

Micah P. Hinson- Micah P. Hinson And The Pioneer Saboteurs

Full Time Hobby / PIAS / Rough Trade
VÖ: 25.06.2010

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Zeichen und Wunden

Das Leben sollte einen Soundtrack haben. Zumindest wünschen sich das viele. Doch in manchen Momenten wäre Stille weitaus willkommener, denn die falschen Töne zur falschen Zeit können einem auch den Boden unter den Füßen wegziehen. Und genau da hakt sich der verkümmerte Americana-Sound von Micah P. Hinson ein. Es sind düstere Zeilen, denen die Wut schon lange ausgegangen ist. Seine Musik weiß, dass sie dunkel ist, aber sie kann gar nicht anders, als eine unwirkliche Finsternis zu verbreiten, die so kaum in das Leben passen will. Keine Wunde ist zu alt, um sie nicht noch einmal aufzureißen. Erinnerung will bei Hinson auch auf dem sechsten Album nur mit Weh funktionieren. Der Kopf ist längst auf den Tresen zwischen leere Erdnussschalen, Aschenbecher und Whiskeygläser gesunken und lässt sich von verseuchten Streichern und ranzigen Gitarren verdrehen.

Auch "Micah P. Hinson And The Pioneer Saboteurs" könnte eher der Idee eines alten Groschenromans entsprungen sein, als dass es sich aus der Realität speist. Das Album strotzt vor unheldenhaften Melodien, die trotzdem tapfer um ihren eigenen Vorteil kämpfen. In den feingeäderten Arrangements schwingt die Verzweiflung mit, die es braucht, um "My god, my god" über die Bühne zu bringen. Bei "2's and 3's" wird die Welt urplötzlich zu einer klaustrophischen Kammer, in der Streicher schwingen, einzelne Saiten durch den Äther pilgern und sich Schicht um Schicht auftürmt, um alles zu verdrängen. Doch selbst wenn dies nicht passiert und dieser staubtrockene Klang nur von der Gitarre getragen wird, wird das Hufscharren deutlich, die Unruhe, die sich in jede Pore gesetzt hat. Lösen kann sich diese nicht einmal im abgewürgten "The returning", das zunächst zum Dröhnen anschwillt, um dann als Kratzen einzugehen. Und über allem steht Hinsons Stimme und tönt verstaubt tief und resigniert aus dem Innersten. Am Ende bleibt sie der trotzige Kern, die endgültige Absage an einen klaren Durchblick, auch wenn sie sich weiter zurückzieht als auf den vorigen Alben.

Von der angekündigten Revolution bleibt nicht viel. Der Zorn ist verraucht und steigt in den aschgrauen Himmel, der sich über eine Welt gelegt hat, die weder die schlechteste sein will noch die beste sein kann. Träge Töne schieben sich aneinander, werden in instrumentalen Stücken bemüht und gehoben. Gelegentlich kann man sich an einem schleppenden Rhythmus oder ein paar Saiten klammern, damit sich wenigstens ein bisschen was dreht. "A call to arms" dürfte das hoffnungsloseste Stück sein, das jemals versucht hat, zum Protest aufzurufen: Es zieht Country und Folk durch den Schlamm, obwohl beide die einzigen ehrlichen Mittel sind, um diesem Leiden Luft zu machen. Nach einer knappen Stunde ersticken die Klänge, und die Geisterstadt verschwimmt am anderen Ende des Horizonts. Was bleibt, ist Stille. Eine scheinbar ekelhaft leichte Stille.

(Björn Bischoff)

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Highlights

  • 2's and 3's
  • The cross that stole my heart away
  • The returning

Tracklist

  1. A call to arms
  2. Take off the dress for me
  3. 2's and 3's
  4. Seven horses seen or through the hours, still comes another day
  5. The striking before the storm
  6. The cross that stole my heart away
  7. My god, my god
  8. The letter at twin wrecks
  9. Watchers, tell us of the night
  10. The hero will never hand
  11. She's building castles in her heart
  12. The returning

Gesamtspielzeit: 58:37 min.

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