Laurie Anderson - Homeland

Laurie Anderson- Homeland

Nonesuch / Warner
VÖ: 02.07.2010

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Der amerikanische Patient

Wenn es sich bei Tom Waits um den Müllwerker des amerikanischen Traumes handelt, dann ist Laurie Anderson dessen Therapeut. Auch wenn ihre Sprechstunde nur etwa alle zehn Jahre geöffnet ist. So lange braucht die Multimedia-Künstlerin und Ehefrau von Lou Reed nämlich, um ein reguläres Album zu vollenden. Mitte der Achtziger Jahre war die New Yorkerin einmal kurz auf dem Sprung zum Popstar - die Single "O Superman" schrammte knapp an einer Nummer Eins in England vorbei, und "Language is a virus" war ein denkwürdiger elektronischer Hit mit gespenstischer Dimension und einem Titel aus der Feder von William S. Burroughs. Zu finden war das Stück auf dem Soundtrack zur Performance "Home of the brave", die eine spitzfindige Bestandsaufnahme der amerikanischen Realität versuchte: Kommunikaze statt Kommunikation, heuchelnde Politiker im Zerrspiegel der Medien, Sprache als ansteckende Krankheit.

Zweieinhalb Jahrzehnte später hat sich daran ebenso wenig geändert wie an Andersons Vorgehensweise. Auch "Homeland" widmet sie den USA, erzählt bizarre Geschichten und absurde Gleichnisse, um so scharfsinnig wie zutreffend Zivilisationskrankheiten zu diagnostizieren. "Only an expert can deal with the problem", karikiert die ungewöhnlich straight auf den Dancefloor zielende Single neunmalkluge Psychiater, Flipcharts vollschmierende Unternehmensberater und größenwahnsinnige Fondsmanager, die sich ihre Klientel listig selbst heranzüchten. Dazu hackt wütender Gitarrenkrach immer wieder den stoischen Beat und die schlanken Sequenzen in Stücke. Die eigene Tasche dient hier als Wirtschaftszweig und Sarkasmus als letzte Zuflucht.

"Only an expert" bleibt das einzige auf Anhieb greifbare und nachvollziehbare Stück auf "Homeland", dessen auf DVD mitgeliefertes Performance-Konzept und die weitgehende Verweigerung von Popmusik ansonsten zuweilen an die verzwickte The-Knife-Oper "Tomorrow, in a year" erinnert: Anderson lädt renommierte Sessionmusiker wie John Zorn oder eben Lou Reed ins Studio, manipuliert Sounds und Stimmbänder und erzeugt an Marxophon, Pferdevioline und Keyboards dichte Soundschwaden. "Transitory life" kokelt wie ein unheilvolles Memento Mori vor sich her, "Dark time in the revolution" hantiert hektisch mit Percussions, und "The beginning of memory" zeigt Anderson in poetischer Vollendung vor einem elektronischen Zeittunnel.

Auch jüngere Fachkräfte wie Kieran Hebden von Four Tet und Antony Hegarty haben etwas zum Thema beizutragen. Letzterer besonders wirkungsvoll auf dem elfminütigen Spoken-Word-Track "Another day in America": Anderson nimmt mittels Stimmprozessor die Identität ihres schnauzbärtigen Alter Egos Fenway Bergamot an, Hegartys ätherische Vocal-Schlaufen spielen den weiblichen Part, während der Hörer zu minimalistischer Begleitung wortgewaltig absonderliche Alltagsszenarien und philosophische Theoreme eingeflüstert bekommt. Verkehrte Welt auf allen Ebenen - merkwürdig vertraut kommt einem das Ganze trotzdem vor. Gerade wenn "Flow" mit erstaunlich naturbelassener Violine aus einem Album geleitet, von dessen geistreichem Witz und musikalischem Installationscharakter man lange etwas haben wird. Was voraussichtlich auch Not tut. Denn bis es wieder "Das nächste bitte!" heißt, könnten schließlich gut und gerne zehn Jahre vergehen.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Transitory life
  • Only an expert
  • Another day in America

Tracklist

  • CD 1
    1. Transitory life
    2. My right eye
    3. Thinking of you
    4. Strange perfumes
    5. Only an expert
    6. Falling
    7. Another day in America
    8. Bodies in motion
    9. Dark time in the revolution
    10. The lake
    11. The beginning of memory
    12. Flow
  • DVD 1
    1. Homeland: The story of the lark
    2. Homeland chapters
    3. Laurie's violin

Gesamtspielzeit: 121:35 min.

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