Das Gezeichnete Ich - Das Gezeichnete Ich

Das Gezeichnete Ich- Das Gezeichnete Ich

Capitol / EMI
VÖ: 25.06.2010

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Auf ewig schweigen

Da steht er wie der heilige Distelmeyer höchstpersönlich. Auf der Rückseite des Booklets schaut the artist only known as Das Gezeichnete Ich wie Jochiboy zu "Testament der Angst"-Zeiten, nur falsch herum. Ordentlich gescheitelt und mit einem Anflug von Ungewissheit, ja vielleicht sogar Unsicherheit. Dabei könnte der Berliner Musiker doch recht entspannt in die Zukunft blicken. Vor kurzem Vorband der Pet Shop Boys, demnächst von A-Ha, dazwischen mal kurz bei Raabs Bundesvision Song Contest für Brandenburg vorbeigeschaut und so langsam auch mit Rotation auf MTViva. Das kann sich doch sehen lassen für einen Künstler, dessen Album zwar von Grönemeyers Hausproduzent Alex Silva produziert wurde, dessen Name jedoch bisher den wenigsten bekannt sein dürfte. Das wird sich in Kürze ändern.

Wer möchte und sich dabei auch noch wirklich anstrengt, kann mit einem großen Batzen Wohlwollen die verloren geglaubte Verbindung zwischen Blumfeld und Ich + Ich in "Das Gezeichnete Ich" hineininterpretieren. Aber auch nur, weil der Mann stimmlich manchmal wie Distelmeyer oder Niels Frevert klingt und in seltenen Momenten an die etwas schwächeren Liebeslieder des ersteren erinnert. Aber wirklich nur ganz vage - wie in "Nebel" oder "Durch die Blume" etwa. Denn auch die Münchener Freiheit scheint manchmal nicht fern. Der Vergleich mit dem Duo Humpe und Tawil trifft es da schon eher, auch wenn Das Gezeichnete Ich etwas weniger rumsalbadert als die Plattitüdenmanufaktur im Doppelpack.

Statt dessen versucht Das Gezeichnete Ich die reichhaltige, fette, an manchen Stellen gar bombastische Produktion inklusive Streicher und Chor mit poetischen Texten zu veredeln. Aber auch hier steht der Anspruch der Umsetzung letztlich zumeist im Weg. So heißt es in "Durch die Blume" eher sperrig: "Einst blass und nun voll in Farbe / Dein Antlitz mich regiert / Mein Herz trag ich zu Grabe / Denn deins mir nun diktiert / Den Takt der in mir schlage / Frei nicht oktroyiert / Klingt in mir nun dein Name / Der fortan residiert". Da möge jeder selbst entscheiden, ob solche lyrischen Satzstafetten gelungen sind oder nicht. Doch auch die Disziplin des dreieinhalbminütigen pathosschwangeren Schwadronierens beherrscht der Berliner hervorragend. Wobei "Lichtjahre" den unangefochtenen Höhepunkt darstellt: "Wir können diese Welt nur mit Liebe gewinnen / Wieso Lichtjahre dennoch im Schatten verbringen?" All you need is love und so.

So hinterlässt dieses Debüt in vielerlei Hinsicht einen schwammigen Eindruck. Die Produktion ist zwar so homogen wie hervorragend, lässt aber meist jegliche Ecken und Kanten vermissen und wirkt dadurch zwar sehr groß, aber eben auch sehr glatt und steril - und die Inhalte formulieren oftmals einen überstiegen künstlerischen Anspruch. Ob dieser eingelöst wird und berührt oder ob es sich bloß um aseptisches Gefasel handelt, das gerne hintergründig sein möchte, unterliegt der subjektiven Entscheidungsgewalt. So möge jeder seine Stimme erheben und Einspruch einlegen. Oder auf ewig schweigen.

(Kai Wehmeier)

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Highlights

  • Du, es und ich

Tracklist

  1. Innen
  2. Halleluja
  3. Du, es und ich
  4. Unsichtbar
  5. Beste Zeit
  6. Durch die Blume
  7. Nebel
  8. High
  9. Vergangenheit
  10. Lichtjahre

Gesamtspielzeit: 37:17 min.

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