Ed Harcourt - Lustre

Ed Harcourt- Lustre

Piano Wolf / Al!ve
VÖ: 18.06.2010

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Der Rest ist Schwelgen

In jeder Tragödie steckt auch etwas Gutes - in Shakespeares "King Lear" beispielsweise das schöne Wort "Lustre" (zu Deutsch: Glanz), das 404 Jahre nach der Erstaufführung am englischen Hof nun die Namenspatenschaft für Ed Harcourts fünftes Studiowerk übernehmen darf. Und selbiges ist wahrlich glänzend geworden: ein großes, euphorisches Popalbum von zeitloser Schönheit und außerordentlicher melodischer Pracht. Eine Platte mit Schalk im Nacken, Träne im Knopfloch und Joker im Ärmel - der natürlich erst beim Hochkrempeln zum Vorschein kommt. Und Harcourt hat sich bei diesem Album zweifelsohne ordentlich umgekrempelt. Was uns zum positiven Nebeneffekt der nächsten Tragödie führt: Nach seinem wohl nicht ganz freiwilligen Abschied vom Major-Label ist er nun sein eigener Plattenboss und hat endlich alle Freiheiten.

Die Verantwortung, die das mit sich bringt, konnte Harcourt schon zu Hause üben: Seit seiner Großtat "The beautiful lie" hat er nicht nur Musik für den Film "S. Darko" geschrieben, die EP "Russian roulette" tatsächlich als USB-Stick in Munitionsform veröffentlicht und als Produzent und Songwriter mit Künstlern wie Paloma Faith und Lisa Mitchell kollaboriert. Er ist auch zum ersten Mal Vater geworden. Das Coverfoto von "Lustre" ziert passend dazu die traute Familie und verdeutlicht auch dem letzten Metaphern-Legastheniker: Das Boot liegt im Hafen. Captain Harcourt ist angekommen - sowohl privat als auch musikalisch. Letzteres hört man vor allem daran, dass seine Songs noch nie so aufgeräumt und auf den Punkt klangen wie diese elf neuen - möglicherweise auch ein Verdienst von Produzent Ryan Hadlock (The Gossip, Blonde Redhead, Stephen Malkmus).

"Lustre" wurde in den nördlich von Seattle gelegenen Bear Creek Studios, einer etwas besseren Blockhütte mitten in der Wildnis, aufgenommen - angeblich sang Harcourt sogar eine Gesangsspur nachts an einem Fluss ein. Vielleicht begegnete ihm dabei die Inspiration zu "Heart of a wolf", einer Schnapsidee mit besonders süffigem Refrain. Ist die Percussion eine alte mechanische Schreibmaschine beim Zeilenwechsel oder doch eine gerade im Ladevorgang befindliche Knarre? Mutiert Harcourt wirklich halb zum Wolf oder hat er einfach nur eine heiße Kartoffel im Mund? Man weiß es nicht. Immerhin lässt sich die Frage nach den reizenden Background-Sängerinnen, denen man auf dem Album des öfteren begegnet, leicht beantworten: Es handelt sich um seine Gattin Gita und deren Schwestern, auch bekannt als The Langley Sisters.

Schon gleich zu Beginn sind die Damen zu hören, ihr engelsgleicher Gesang verschmilzt mit himmlischen Streichern und Harcourt errichtet mit tatkräftiger Unterstützung von Wurlitzer, geschmeidigem Bass und dezenten Bläsern eine würdevolle Pop-Kathedrale, deren Baujahr man auf circa 1973 schätzen würde. "Church of no religion" hingegen pulsiert, pocht und kultiviert eine überraschende Coolness in der Rhythmusfraktion zu fast geflüsterter Gesellschaftskritik. Das entzückende Liebeslied "Haywired" wartet mit einem Mellotron, einem sich überschlagenden Optigan und der Erkenntnis "It's not easy to be happy / And get away with it" auf. Und dann gibt es da auch noch dieses herrliche Stück über Larmoyanz, übersetzt "Lachrymosity", mit einem verspielt-filigranen Klavier-Arrangement und der tollsten Chor-Stelle der ganzen Platte. Ausgerechnet bei der Zeile "Why so sad?".

Dass Harcourt nicht nur ein Meister der geschmackvollen Melodramatik ist, beweist insbesondere "Do as I say not as I do" - mit lässigen Handclaps, beschwingter Gitarre, sonnendurchfluteter Beach-Boys-Stelle und gänzlich unpeinlichem Saxophon-Einsatz. Das wunderbar aufgekratzte "A secret society" offenbart die unglaubliche Exzessbereitschaft in Harcourts Stimme, jede Silbe wird mit absoluter Hingabe modelliert. Der heimliche Höhepunkt des Albums ist das von Klavier und Akkordeon untermalte "So I've been told", eine der schlichtesten, aber mit Abstand ergreifendsten Balladen, die Harcourt je geschrieben hat. Und dann kommt mit "Fears of a father" der offizielle Höhepunkt zum ganz großen Finale. Spätestens jetzt liegt man sich mit dieser Platte in den Armen, sprachlos. Das Schlusswort überlassen wir deswegen dem Künstler, der neulich in einem Interview sagte: "It's an album about action, life, the lustre that you have in your eyes when you feel you're living for something." Der Rest ist Schwelgen.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Heart of a wolf
  • Do as I say not as I do
  • A secret society
  • So I've been told
  • Fears of a father

Tracklist

  1. Lustre
  2. Haywired
  3. Church of no religion
  4. Heart of a wolf
  5. Do as I say not as I do
  6. Killed by the morning sun
  7. Lachrymosity
  8. A secret society
  9. When the lost don't want to be found
  10. So I've been told
  11. Fears of a father

Gesamtspielzeit: 48:48 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Gordon Fraser
2010-07-30 07:14:59 Uhr
An die "Beautiful Lie" kommt das hier nicht ganz ran, das stimmt schon. Aber gelangweilt und uninspiriert ist "Lustre" ja nunmal gar nicht. Die Bewertung geht in Ordnung, ich würde momentan noch einen halben Punkt abziehen, habe die Platte aber auch noch nicht so oft gehört.
The MACHINA of God
2010-07-02 10:16:55 Uhr
Nee, die "Beautiful lie" war schon sehr sehr großartig. Von daher schon nciht überbewertester...
retro
2010-07-02 10:14:54 Uhr
überbewertetster künstler auf plattentests ever.
Fritz Egner
2010-06-26 14:30:59 Uhr
Großartig! Eine der besten, homogensten Scheiben in diesem Jahr!! ;)
Obrac
2010-06-18 11:20:00 Uhr
Die Frau Mautz sieht das doch durch die Fanbrille.

Leider muss ich da zustimmen. Hatte mich schon sehr über die gute Bewertung der schrecklichen letzten Folds-Platte gewundert.. und hier war es eigentlich auch von vorneherein klar, dass die neue Harcourt gut bewertet werden würde, wenn Frau Mautz die Rezi schreibt (nicht, dass ich daran gezweifelt hätte, dass sie sie schreibt). Es ist immer das gleiche hier auf PT bei dieser Art von Musik.
Harcourt macht auf dem Album alles genauso wie immer, nur halt viel schlechter. Uninspirierte, gelangweilte Musik. Aber ist ja nur meine Meinung.
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