Jan Delay & Disko No. 1 - Wir Kinder vom Bahnhof Soul live!

Jan Delay & Disko No. 1- Wir Kinder vom Bahnhof Soul live!

Vertigo / Universal
VÖ: 04.06.2010

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Planmäßige Abfahrt

Man muss Jan Delay nicht mögen, um anzuerkennen, dass er seine Sache gut macht. Sofern er nicht gerade mit einem seiner verbalen Guido-Westerwelle-Momente negativ auffällt, ist der großspurige Hamburger Kappen- und Hutliebhaber ja durchaus für kurzweilige Unterhaltung zu gebrauchen. Seine Widersprüche hat der selbsternannte Chefstyler ohnehin längst als Image kultiviert. "Schwarze Mucke, schwarzer Block / Schwarzer Humor und schwarze Zahlen" - so sieht sich Delay selbst am liebsten, auch wenn man ihm außer den schwarzen Zahlen manches davon gelegentlich gern absprechen würde. Aber auch Kritiker können nicht ignorieren, dass ein Mitschnitt wie "Wir Kinder vom Bahnhof Soul live!" durchaus seine Momente hat.

Was jedoch allein noch keine Existenzberechtigung darstellt. An wirklicher, turbulenter Live-Atmosphäre versucht sich der saubere Mix erst gar nicht, bis auf wenige Ausnahmen wird das Publikum zum Mitsing- und Klatschfutter degradiert und ansonsten ausgeblendet - nicht eben beste Voraussetzungen, um das zweite Studio- und Livealben-Doppel nach "Mercedes dance" und dessen Bühnenversion vorm Vorwurf der Geldmacherei zu schützen. Abseits davon gibt es zunächst wenig zu kritteln: Delays Band Disko No. 1 spielt von der Rhythmusgruppe bis zur Bläsersektion überzeugend bis überragend, der weibliche Backgroundgesang sitzt, die überwiegend aus dem Studio übernommenen Songs präsentieren sich dementsprechend im gleichermaßen schnieken wie dicken Rhythm-and-Blues-Livesound.

Auch Delay macht als Gastgeber grundsätzlich recht erfolgreich auf dicke Anzughose: "Stuggi-Town / Boogie down" heißt es in Stuttgart, "München, ihr seid D! Soost" an der Isar - was man dann cool oder panne finden darf, wie die meisten An- und Aussagen. Spaß haben der Meister, seine Band und das Publikum bei dieser Revue durch die Vergangenheit von Funk und Soul in jedem Fall reichlich. Leider ist das meiste dieser betont lässigen Sause doch sehr berechenbar, um nicht zu sagen: deutsch. Bei keinem Song wird groß experimentiert, für "Ganz anders" steht natürlich Delays Idol Udo Lindenberg auf der Bühne, und die Publikumsanimation wirkt zwischen Cluburlaub und Fitnesstrainer eher stereotyp. Das ist zwar massentaugliche Unterhaltung, aber auch von vorne bis hinten durchgeplant. Wer Spontanität abseits von ein paar Ansagen und Soli sehen oder alte Songs in neuem Gewand hören will, ist beim Farin Urlaub Racing Team oder Fettes Brot in besseren, wenngleich ebenfalls mainstreamigen Händen.

Im Grunde ist "Wir Kinder vom Bahnhof Soul live!" damit reichlich bieder: Für Selbstironie oder ungeplanten Witz taugt Delays Bandpatriarchat nur bedingt, die lockere Coolness der Originale vermisst man abseits von Knallern wie "Oh Jonny" oder "Klar" ebenso. Und ob das eigene Großunternehmerverständnis zur sinnvollen Konsumketten-Kritik Marke "Kommando Bauchladen" berechtigt, sei sowieso dahingestellt. Egal wie sich der Mann vor seinen Background-"Delaydies" zum deutschen James Brown reckt: Es bleibt die kaukasische Kopie des schwarzen Sounds, bei der immer ein bisschen was fehlt. Wie etwa auch beim "Pump up Medley", das mit einem launigen Technotronic-Cover und Deichkinds "Remmidemmi" arg überschaubar ausfällt. Als Erinnerungs-Devotionalie für Konzertbesucher oder Zeugnis von Delays Leistungsfreude reicht das sicher. Wer sich ansonsten mit dieser Bahnhofsmission wohlfühlen soll, bleibt unklar.

(Dennis Drögemüller)

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Highlights

  • Oh Jonny
  • Klar

Tracklist

  1. Rave against the machine
  2. Showgeschäft
  3. Large
  4. Überdosis Fremdscham
  5. Abschussball
  6. Ein Leben lang
  7. Kommando Bauchladen
  8. Disko
  9. Oh Jonny
  10. Ganz anders (feat. Udo Lindenberg)
  11. Klar
  12. Pump Up Medley
  13. Hoffnung

Gesamtspielzeit: 59:45 min.

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