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Harper Simon - Harper Simon

Harper Simon- Harper Simon

Tulsi / PIAS / Rough Trade
VÖ: 07.05.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Ganz der Vater

Graceland ist schuld. Und die Sache eigentlich völlig logisch: Nach Elvis' Ableben waren seine Dämonen arbeitslos geworden und hatten sich, in der Hoffnung, einen neuen Wirkungskreis zu finden, wahllos auf die Besucher der Presley-Villa gestürzt. Unbemerkt sind sie aufgehüpft, mit diesem speziellen Hüftschwung, den sie vom King gelernt hatten. Kinder, Alte, Fußkranke - niemand war vor ihnen sicher. Auch nicht der kleine Harper Simon. Viele Jahre später bescherten ihm die Elvis-Dämonen dann unschöne Drogenprobleme und Depressionen. Dabei hatte sein Daddy - der große Paul Simon - doch so einen fabelhaften Song über den gemeinsamen Besuch in "Graceland" geschrieben: "My traveling companion is nine years old / He's the child of my first marriage", sang er da. Der traveling companion ist mittlerweile 37 Jahre alt, die Drogenprobleme sind ausgeräumt, die Psyche ist aufgeräumt, und Paul Simon zwei Ehen und eine Simon-&-Garfunkel-Reunion schlauer - aber gemeinsam reisen, das machen Vater und Sohn immer noch. Zumindest musikalisch, auf Harpers Debütalbum.

Zugegeben: In Anbetracht der Tatsache, dass Harper schon als Vierjähriger mit seinem Daddy in der amerikanischen Sesamstraße trällerte, erscheint es fast unglaublich, dass er erst 33 Jahre später sein Debüt vorlegt. Aber es ist ja nicht so, dass er in der Zwischenzeit untätig gewesen wäre: Er hat Songs geschrieben, in Bands gespielt und versucht, seinen Weg zu finden. Und das ist schließlich schon eine ganze Menge - erst recht, wenn man einen der besten Songschreiber des letzten Jahrhunderts zum Vater hat. So manche Söhne derart begnadeter Musiker würden der Angst vor dem Scheitern mit Rebellion begegnen und aus Prinzip die Musikrichtung einschlagen, die am weitesten entfernt von der des Altvorderen liegt. Oder gar keine Musik machen. Harper hingegen hat verstanden, dass man sich der Herausforderung stellen muss und sich dabei auch durchaus helfen lassen darf. Drei Songs seines Erstlingswerkes hat er mit Papa Paul zusammen geschrieben - das Interessante dabei ist aber, dass man keineswegs eindeutig erraten kann, welche das sind.

Harper ist nämlich selbst ein ausgezeichneter Songwriter, und diese zehn Stücke beweisen, wie richtig es war, in all den Jahren zuvor nichts Halbgares zu veröffentlichen. Und vor allem: diesen Reifegrad abzuwarten, musikalisch wie auch biographisch. Dennoch schwebt über den Liedern der lange Schatten des Zauderns und Zweifelns: "I'm not too certain about many things / I'm not so sure who I am", heißt es im beschwingten "Wishes and stars", einer hübschen Kreuzung aus Americana, Pop und Spätsechziger-Flair. Dabei stammt dieser Text noch nicht einmal von Harper selbst, sondern von dem befreundeten Schriftsteller Ben Okri. Die Country-Explosion "Tennessee", eine Gemeinschaftsarbeit mit dem Herrn Vater, erzählt hingegen ganz deutlich Harpers Geschichte und spart nicht mit Selbsterkenntnis: "It's a place of moderation, common sense and decency / Well, that's nothing like the way I am / But it's how I'm gonna be." Dazu spielen Instrumental-Veteranen aus Nashville, die schon mit Bob Dylan, Elvis Presley (Aha!), Patsy Cline oder The Byrds musiziert haben.

Man könnte locker nun auch noch diesen Absatz mit Namedropping vollstopfen: Sean Lennon bedient Drums und Celesta, Joan Wasser führt das Streicher-Ensemble an, Marc Ribot spielt bei zwei Liedern E-Gitarre, Eleni Mandell und Inara George singen Backing Vocals, und Paul Simon greift bei "The audit" höchstpersönlich in die Saiten. Und singt alle zehn Lieder. Könnte man jedenfalls meinen - denn Simon junior klingt exakt wie Simon senior. Co-produziert hat der legendäre Bob Johnston, der vor Jahrzehnten bereits Alben von Bob Dylan, Johnny Cash, Leonard Cohen und - ach was! - Simon & Garfunkel unter seine Fittiche genommen hat. Für den angenehm warmen Mix sorgte Tom Rothrock (Beck, Elliott Smith), und die Songs halten fast durchweg, was die hochkarätige Besetzung verspricht. "Ha ha" ist eine harmonisch überaus reizvolle Akustikgitarren-Intarsienarbeit mit wunderbaren Streichern, "The shine" hat Pedal Steel und majestätische Bläser zu bieten und "Berkeley girl" eine zauberhafte Post-Trennungs-Liebeserklärung: "She believed in me / When I was such a hopeless case." Und wie recht sie doch damit hatte.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Wishes and stars
  • The audit
  • Tennessee
  • Berkeley girl

Tracklist

  1. All to God
  2. Wishes and stars
  3. The audit
  4. Shooting star
  5. Tennessee
  6. Ha ha
  7. Cactus flower rag
  8. All I have are memories
  9. The shine
  10. Berkeley girl

Gesamtspielzeit: 30:20 min.

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