Gogol Bordello - Trans-continental hustle

Gogol Bordello- Trans-continental hustle

Columbia / Sony
VÖ: 21.05.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Das Frühlingsfest der Weltmusik

Die halbe Welt war nicht genug. Von der Bukovina bis Brooklyn hatten die Berufs-Gypsys von Gogol Bordello mit ihrer energiegeladenen Inszenierung aus Hippie-Attitüde, osteuropäischer Folklore und punkiger Revolutionsrhetorik in den letzten Jahren den Rand des Mainstreams zum Hyperventilieren gebracht. Doch westliche und östliche Hemisphere reichten Eugene Hütz und seiner Mannschaft offenbar nicht mehr: Auf "Trans-continental hustle" findet die rotwein- und wodkaselige Gyspyseele der Band in den von Heißblut und Schwermut gleichermaßen durchtränkten Rhythmen Lateinamerikas einen ebenbürtigen Verbündeten.

Während die fuchsteufelswilden Auftritte der Band von der kalkulierten Raserei der Punk-Smasher leben, zeigte der Kampf der musikalischen Monokulturen auf Platte mit der Zeit Abnutzungserscheinungen. Daher muss man Produzentenlegende Rick Rubin dankbar sein, dass er Gogol Bordello noch stärker den Weg weg vom ethnoverzierten Punk-Einerlei der Bühnenshow in Richtung traditioneller Volksmusik gewiesen hat, mit der die Band zumindest in Amerika endgültig zurecht jeden Ort als Zuhause beanspruchen darf, an dem ihr Wanderzirkus eben gerade hält. Dass Bandkopf Hütz bis vor einer Weile in Brasilien gelebt hat, dürfte dieser Entwicklung ebenfalls zuträglich gewesen sein. So kommt es, dass die Melancholie Osteuropas und Südamerikas gleichermaßen selbst zackige Standard-Stampfer wie "Pala tute" oder "Rebellious love" durchströmt.

Überall darf die Folklore aus Ost und West, Nord und Süd im Songwriting atmen und sich genüsslich ausbreiten, mit "Sun is on my side" und "When universes collide" gestattet Hütz sogar zwei von schmachtendem Akkordeon flankierten, schlammverschmierten (Power-)Balladen den Einzug in den Gypsy-Punk-Kosmos. Der Weltmusik-Charakter beherrscht die ganze Platte: "Uma menina" klingt vermeintlich unverkennbar nach rumänischer Volksweise, doch in Wahrheit lässt sich Hütz hier von brasilianischen Zigeunern begleiten. Ähnlich das fulminante "Last one goes the hope", das sich in seinem südamerikanischen Piratennest heimlich Wodka in den Krug füllt und schließlich in spanisches Stammtischgerede gerät. "In the meantime in Pernambuco" wiederum tobt haltlos mit lateinamerikanischem Hüftschwung durch eine karnevaleske Liebeserklärung an die gleichnamige brasilianische Provinz.

Es ist eine unheimlich homogene Platte, die Gogol Bordello mit "Trans-continental hustle" gemacht haben, die so spielend leicht die Ähnlichkeiten lokaler musikalischer Folklore zusammenführt und den Bogen über tausendekilometerfach entfernte Kontinente spannt. Lediglich "Immigraniada (We comin' rougher)" pflegt noch die Pose vom Immigranten-Underdog, ansonsten zeigt der 37-jährige Hütz anschaulich, dass er sich neben oberkörperfreiem Live-Derwisch auch auf die Rolle als musikalischer Songschreiber mittlerweile sehr gut versteht. Fertig mit der Welt ist er damit im doppelten Sinne nicht: In Afrika und Asien wartet zukünftig die wirkliche Herausforderung auf Gogol Bordello und ihre Multikulti-Party.

(Dennis Drögemüller)

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Highlights

  • Immigraniada (We comin' rougher)
  • Last one goes there hope
  • In the meantime in Pernambuco

Tracklist

  1. Pala tute
  2. My companjera
  3. Sun is on my side
  4. Rebellious love
  5. Immigraniada (We comin' rougher)
  6. When universes collide
  7. Uma menina
  8. Raise the knowledge
  9. Last one goes the hope
  10. To rise above
  11. In the meantime in Pernambuco
  12. Break the spell
  13. Trans-continental hustle

Gesamtspielzeit: 53:47 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Der Dude
2010-06-05 23:05:58 Uhr
Finde es gut, etwas weniger ungestüm als das letzte, man könnte fast schon von Weiterentwicklung sprechen. Fast. 7/10 ist ok.
schniggs
2010-06-04 02:01:37 Uhr
sauber! da ist das ding!

http://plattentests.de/rezi.php?show=7595
Biba Butzemann
2010-05-21 08:41:41 Uhr
Auf Platte kann ich ihn im Grunde gar nicht hören, aber live in Erlangen war wie zu erwarten ein Erlebnis.
Meisenhort
2010-05-21 01:34:48 Uhr
Mhm,teile ich nicht ganz die Ansicht.
Mochte "Super Taranta" sehr gern mit seiner Energie und seinem Drive, aber Trans-Continental-Hustle, ist mir da etwas zu... uninspiriert.
Immer noch solide,aber nicht viel mehr.
schniggs
2010-05-21 00:33:39 Uhr
So, meine Damen, heute (21.5.) ist es soweit: das neue gogol bordello album "trans-continental hustle" ist nun auch in deutschland im laden erhältlich.

meine begeisterung hat auch nach wochen noch nicht abgenommen, von daher haue ich euch nochmal meinen text aus dem gogol-thread um die ohren :)

im übrigen: warum gibt es keine rezension zu dem album? kann mir das einer dieser tz-volontäre erklären? danke! :)

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der neue longplayer klingt zwar - im vergleich zu den vorgängern - etwas glattgebügelt (evtl. wegen diesem super-tollen producer?!). trotzdem: gogol bordello treten einem über die gesamte länge in den hintern. und zwar mit schmackes. häufiger kommt auch die akustikgitarre zum einsatz, was letztlich in einer unglaublichen hyme wie "when universe collide" mündet. fängt langsam an, baut sich aber zu einem gigant auf, der mit lust und laune am ende alles zu kleinholz drischt. mit einem überragenden eugene hütz am mikro, natürlich. auch sonst: keine titel des prädikats "bitte skip mich" oder totale fehlgriffe. nicht ein einziger ausreißer - selten so eine ohrwurm-dichte erlebt.

alles in allem ein grandioser wurf. um ehrlich zu sein: für mich das beste album (auf einer stufe mit dem live-album "live from axis mundi", versteht sich)

schniggs
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