Future Islands - In evening air

Future Islands- In evening air

Thrill Jockey / Rough Trade
VÖ: 14.05.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Das Raum-Zeit-Kontinuum

Es ist 1981. Zum ersten Mal hebt ein Raumschiff vom Typ Space Shuttle ab. Völlig losgelöst von der Erde. Endlich hat der Mensch angemessen körperlose Klänge dazu erfunden, um sie mit ins Weltall zu senden. Das Zeitalter des Synthpop bricht an, und mit ihm beginnt die Zukunft. Knapp dreißig Jahre später: Das Space Shuttle geht 2010 in die Raumschiff-Rente, und anstatt draußen im All vermutet die Menschheit ihre Zukunft längst in irdischen Spielzeugen. Sie müssen nur das Symbol eines angebissenen Apfels tragen und gelegentliche Geräusche von sich geben.

Nicht immer erinnert man sich am Anfang der zehner Jahre des 21. Jahrhunderts an 1981. Viel zu bunt und schrill ist der aktuelle Zeitgeist, als dass statt retrofuturistischen Manierismen noch echte Nostalgie eine Chance hätte. Future Islands wollen das nicht wahrhaben. Das Postwave-Trio hat den frühen Achtzigern nämlich genau zugehört: Damals gab es weder Bombast-Arrangements noch bollernde Beats. Auf Future Islands Zweitling "In evening air" scheppern blecherne Rhythmen zu rachitisch piepsenden Synthesizern. Das ist ein angenehmes Gegenmittel zum allgegenwärtigen Gaga-Bumms.

Schon wenn sich im eröffnenden "Walking through that door" ein sehnsüchtiges Synthmotiv über das 4/4-Puckern legt, macht sich wohlige Melancholie breit. Dann taucht das heisere Crooning von Samuel T. Herring auf, und die Dunkelheit kann kommen. Herrings kratziges Organ verbindet die dunkle Intensität von Ian Curtis mit David Bowies Theatralik und dem sterilen Sexappeal von, ähem, Billy Idol. Es ist jedoch nicht nur diese irritierend anziehende Stimme, die inmitten Future Islands' unaufgeregter Spannung eine überaus spannende Klangperspektive entwickelt. So überdreht ihre Inszenierung wirken mag, so klar und deutlich sind diese Songs.

Der Postmodernismus von "In evening air" verzichtet auf Zynismen und Ironie. Hier geht es um emotionale Tiefen und aufrechte Wertschätzung. Sie bieten naive Hoffnung statt hipper Resignation: Im Surren und Pochen von "Long flight" lauert ein Sample des Starts der tollkühnen STS-1-Mission vom 12. April 1981 und schließt einen Kreis. Trotz der kalt erscheinenden Klänge wärmen die neun Songs von innen. Das gilt für das steeldrum-artige Klirren der Single "Tin man" ebenso wie für das Pochen von "An apology" und die verhallten Flächen von "Inch of dust". "Swept inside" träumt zu wachsendem Schwung von einer Film-Karriere, die subtile Stromlinie von "Vireo's eye" macht Tanzbeine, und der abschließenden Sehnsucht "As I fall" gelingt ein Höchstmaß an Unterschwelligkeit. Diese Band ist keineswegs von gestern.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Long flight
  • An apology
  • Swept inside
  • Vireo's eye

Tracklist

  1. Walking through that door
  2. Long flight
  3. Tin man
  4. An apology
  5. In evening air
  6. Swept inside
  7. Inch of dust
  8. Vireo's eye
  9. As I fall

Gesamtspielzeit: 35:59 min.

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