Roky Erickson With Okkervil River - True love cast out all evil

Roky Erickson With Okkervil River- True love cast out all evil

Chemikal Underground / Rough Trade
VÖ: 04.06.2010

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Mars macht debil

"You're gonna miss me." Im Nachhinein klingt der größte Hit der 13th Floor Elevators wie ein Stoßseufzer, obwohl die texanischen Psychedelic-Rocker um Roky Erickson gerade einmal magere vier Jahre aktiv waren. Ob man sie nach ihrer Auflösung wirklich schmerzlich vermisst hat, wissen vermutlich nur Ohrenzeugen aus den Sechzigern, falls die aufgrund jahrelanger Zufuhr bewusstseinserweiternder Substanzen nicht ganz schwirr im Kopf sind. Auch Erickson hatte es böse erwischt: Der Sänger, Gitarrist und Songschreiber machte Anfang der Siebziger Bekanntschaft mit Knast und Psychiatrie und schwor danach sogar einmal Stein und Bein, dass Marsmenschen von seinem Körper Besitz ergriffen hätten. Wahrscheinlich ist er heute immer noch davon überzeugt.

Zum Glück gehört Erickson zu den Hippies, die es noch erleben dürfen, dass sich zeitgenössische Musiker ihrer Wurzeln erinnern und den inzwischen greisen Helden ihrer musikalischen Sozialisation unter die Arme greifen. Rick Rubin polierte Johnny Cash auf, Little Barrie halfen Demis Roussos auf die Beine, und auch Erickson erhält prominente Unterstützung: Eingeklampft und eingerockt hat der 62-Jährige sein erstes neues Material seit 14 Jahren zusammen mit den benachbarten Indie-Folkern von Okkervil River, die seine Songs zwischen Americana-Melancholie, Blues und ruppigem Gepolter interpretieren.

Erickson selbst nimmt sich jede Menge Zeit: Erst nach der verrauschten Lo-Fi-Miniatur "Devotional number one" und der Akustikskizze "Ain't blues too sad" nimmt "True love cast out all evil" mit dem stetig anschwellenden Singalong von "Good bye sweet dreams" richtig Fahrt auf. Die Gitarre zwirbelt, die Melodie schmeichelt und lässt doch alle Hoffnung fahren. In der Folge durchläuft Erickson die Stationen seines mitunter tragischen Lebensweges: Das anrührende Folk-Mantra "Be and bring me home" sinniert über die Einsamkeit, die Pianoballade "Please, judge" plädiert aussichtslos vor dem Gesetz, und der giftig lärmende Space-Rocker "John Lawman" schwelgt in sinnfreien Entbeinungsphantasien: "I kill people all day long / I'm singing my song". Ein dicker Mittelfinger in Richtung einer Justiz, die Erickson einst wegen ein paar Gramm Gras auf Jahre verknackte, statt sich um die wahren Bösewichte zu kümmern.

Doch zumindest auf diesem Album wird schließlich alles gut: Ab dem Titelstück hat Erickson seinen Frieden mit den Geistern der Vergangenheit gemacht, preist das Leben, umarmt seine Lieben und hält noch einmal Zwiesprache mit seinem Gott, der ihm oft übel mitgespielt hat. All das sei ihm gegönnt, auch wenn diese Altersmilde in einer deutlichen musikalischen Verflachung resultiert. "Birds'd fly" will zunächst noch einmal den Lauten machen, segelt dann aber nur knapp über dem Boden, "Think of as one" lädt sogar fast zum Schunkeln ein, bis sich Erickson zum erneut mutwillig akustisch versaubeutelten Schluss sicher ist: "God is everywhere". Auch in Austin, Texas. Und wer weiß: Vielleicht lässt er sich dort künftig etwas öfter blicken.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Good bye sweet dreams
  • Be and bring me home
  • John Lawman

Tracklist

  1. Devotional number one
  2. Ain't blues too sad
  3. Good bye sweet dreams
  4. Be and bring me home
  5. Bring back the past
  6. Please, judge
  7. John Lawman
  8. True love cast out all evil
  9. Forever
  10. Think of as one
  11. Birds'd crash
  12. God is everywhere

Gesamtspielzeit: 44:34 min.

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