Circa Survive - Blue sky noise

Circa Survive- Blue sky noise

Atlantic / Warner
VÖ: 28.05.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Lupenreiner Hattrick

Eine kleine Danksagung vorweg: Eine hoffnungsvoll begabte Band kann sich auch an Pentalogien oder ähnlichen Ambitioniertheiten vergehen, ohne sich mit der anmutenden Grazie eines, sagen wir mal, Meat Loaf gen Kitschistan zu bewegen, wobei einem vor lauter Gegniedel und Geseiere der Magen zu platzen droht. Ja: Circa Surive wurden stets mit Coheed & Cambria und The Mars Volta verglichen, und das nicht ohne legitime Grundlage, wie ihre spannende Mixtur aus ausgeklügeltem Prog und himmelsstürmenden Alternative-Rock-Melodien zeigte. Das Quintett hat sich dabei im Laufe der Zeit zwar auch in deutlich poppigere Gefilde gewagt, jedoch den Faden der Ariadne nie verloren. Und so kommt es, dass sich vergleichbare Bands im Darmtrakt des Minotaurus tummeln, während Anthony Green und Kollegen ein neues, spannendes Album im Köcher haben.

Circa Survive gelingt damit ein lupenreiner Hattrick: Nach dem überraschend starken Debüt "Juturna", das mit Klarheit und Großzügigkeit überzeugte, und dem kompakt-vertrackten "On letting go" folgt nun die dritte Glanzleistung nacheinander. Einige werden sich ob der allzu offensichtlich strukturierten "Through the desert alone" oder "I felt free" von der Band abwenden, doch wenn man hier an der Oberfläche kratzt, offenbaren sich der Schmerz und die Wut, die diesen Songs das Leben schenken. "Blue sky noise" ist immer dann am besten, wenn die Gitarren wie der tasmanische Teufel der Looney Tunes um die eigene Achse wirbeln, die Rhythmussektion den Spagat zwischen Komplexität und Eingängigkeit schafft und Green mit der Behutsamkeit einer fürsorglichen Mutter seine glockenklare Stimme über den restlichen Song legt, als gelte es, das eigene Kind im tiefsten Winter in Daunendecken zu hüllen. Ganz sanft wird dem Hörer hier die Hirnrinde abgekaut und bohren sich die Melodien in die weiche Masse.

Das Album beginnt mit dem süßlich-bitteren "Strange terrain". Ein Song wie eine triste Mondlandschaft, die trotz aller Kälte und Verlassenheit Geborgenheit spendet und ein Gefühl der Überlegenheit ausstrahlt, bei dem einem schwindelig werden könnte. "The longest mile" hingegen startet dynamisch und steigert sich zu einem kleinen Juwel im Kosmos von Circa Survive. Man stellt sich unweigerlich die Frage, wie die Band diese elektrisierende Spannung aufrechterhält und wie es ihr gelingt, ihren kompakten Alternative Rock so luftig-leicht in die Atmosphäre zu transferieren, dass sämtliche physikalische Gesetze ausgehebelt zu sein scheinen. Das wichtigste Element ist dabei Greens Organ. Ein Merkmal, das dieses Album trägt, den zwölf Stücken Charakter, Leben und Finesse einhaucht und trotz der schier übermächtigen Präsenz den restlichen Instrumenten genug Platz einräumt, um den Songs eine strukturelle Tiefe zu geben, an der man sich nicht so schnell satthört.

Die Texte berichten dazu von surrealen Szenarien, Fieberträumen und der großspurigen Beliebigkeit des alltäglichen Daseins. Während sich Bands ähnlicher Couleur allzu gerne dem Ehrgeiz hingeben, Symphonien komponieren zu wollen, bleiben Circa Survive eine unumstößliche Konstante. Ab und an klicken die Gitarren und bilden mathematische Figuren, die trotz aller Nüchternheit anziehend wirken. Das Geheimnis dieser Band bleibt also nach wie vor im Verborgenen. Doch solange daraus solche großartigen Alben resultieren, darf man getrost weiterhin im Dunkeln tappen.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • Strange terrain
  • Imaginary enemy
  • The longest mile
  • Dyed in the wool

Tracklist

  1. Strange terrain
  2. Get out
  3. Glass arrows
  4. I felt free
  5. Imaginary enemy
  6. Through the desert alone
  7. Frozen creek
  8. Fever dreams
  9. Spirit of the stairwell
  10. The longest mile
  11. Compendium
  12. Dyed in the wool

Gesamtspielzeit: 49:56 min.

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