Marina & The Diamonds - The family jewels

Marina & The Diamonds- The family jewels

679 / Warner
VÖ: 14.05.2010

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Keine Zweitagsfliege

Ratlos? Durchaus! Verärgert? Ein bisschen. Erfreut? Ja. Jubelnd? Mitunter! Tanzen? Heimlich! Überrumpelt? Auch. Die Liste der Rührungen nach dem ersten Hördurchgang von "The family jewels" ist lang. Ein Album, welches nach Aussage von Marina Lambrini Diamandis auf 14 Labels hätte erscheinen können. Derart hoch summierte sich die Heerschar an Interessenten an Marina & The Diamonds. Stolz spricht aus dieser Zahl. Und ein Ego, geformt aus Dickköpfigkeit, Ehrgeiz, Glück und einem kleinen Teil verdrängter Versagensängste.

Erfolg ist ihr nicht mehr so wichtig, sagt Diamandis heute und bedient dabei das Klischee des Mädchens, das schon immer Musik machen wollte. Bei Castings hat sie es glücklicherweise erfolglos versucht, von vier Musikschulen ist sie geflogen oder freiwillig gegangen, und auch ihre Eltern und Freunde mussten sich wohl relativ früh damit arrangieren, dem Heranwachsen eines künftigen Popstars zuzusehen. "High achiever don't you see / Baby, nothing comes for free / They say I am a control freak / Driven a greed to succeed / Nobody can stop me", nimmt die 23jährige gleich im Opener "Are you satisfied?" gezielt Stellung, und ergänzt starrköpfig: "And it's my problem if I have no friends and feel I want to die."

In der Tat kämpft Diamandis bei aller Autobiographie auch mit seelischen Problemen, die bei "Mowgli's road" in Selbstmordgedanken gipfeln: "The cutlery will keep on chasing me / There's a fork in the road". Trotz oder gerade wegen des Inhalts ein toller Song, der die Bandbreite ihrer Stimme zeigt und mit Glockenspiel, Löffeln und der Philicordia auf dem Pop-Konstrukt fast schon Züge einer Theaterinszenierung trägt. Dieses Stück, Teil der ersten Doppel-A-Seiten-Single, war es dann auch, der den erwähnten Jubel auslöste und die Vermutung nahelegte, dass es sich hier um mehr als eine Eintagsfliege handelt. Eine Zweitagsfliege ist das Album dank der um wenige, feinfaserige Mellotron-Töne ergänzten Piano-Pop-Nummer "Obsessions" nämlich mindestens.

Bevor Til Schweiger aufhorcht und einen neuen Film wittert: Dieser Begriff ist keineswegs negativ gemeint, sondern besagt lediglich, dass Diamandis aus diesen zwei Songs das Optimum herausholt. Obwohl "I am not a robot" nah herankommt und auch "Hollywood" ein unbändiger Ohrwurm ist, wird es auf "The family jewels" nicht mehr besser. Hinzu kommen eine gewisse Ratlosigkeit, das Gefühl des Überrumpeltwerdens und ein klein wenig Verärgerung. Songs wie "Shampain", "Girls" oder "The outsider" sind aalglatt (über-)produziert. Kleine synthetische Spielereien werden in "Oh no!" zu Störfeuern, und reihenweise überschreitet Diamandis' zur Schau gestellte Theatralik die Grenze zum Overacting. Bei allem Verständnis für Ehrgeiz und hart erkämpftes Geltungsbedürfnis leidet die durchaus vorhandene Eingängigkeit der Songs unter zeitweiligem Überengagement. Sorgenfalten? Wenige! Hoffnung? Allemal.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • Mowgli's road
  • Obsessions

Tracklist

  1. Are you satisfied?
  2. Shampain
  3. I am not a robot
  4. Girls
  5. Mowgli's road
  6. Obsessions
  7. Hollywood
  8. The outsider
  9. Hermit the frog
  10. Oh no!
  11. Rootless
  12. Numb
  13. Guilty

Gesamtspielzeit: 45:32 min.

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