Wintersleep - New inheritors

Wintersleep- New inheritors

The Tom Kotter Company Ltd. / One-Four-Seven / Soulfood
VÖ: 21.05.2010

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Unwucht

Dass das nicht noch einmal gelingen würde, war ja eigentlich klar. Wintersleeps "Welcome to the night sky" hantierte mit eigentlich längst abgelebten Versatzstücken des 90er-Jahre-Emorock derart zielsicher, dass eine Wiederholung dieses wahrlich punktgenauen Punches zumindest zweifelhaft erschien Auch Wintersleep selbst hegten wohl einige Zweifel, denn "New inheritors" sucht sich einige neue Ansätze - und das, nachdem bereits die Schritte vom Debüt zu "Welcome to the night sky" nicht eben klein waren. Das spricht für die Sensibilität dieser Band. Das Ergebnis spricht indes nicht immer für "New inheritors".

Denn dieses Album wirkt doch ein wenig grüblerisch und in sich gekehrt. Das betrifft zunächst Kleinigkeiten. Den Klang der Gitarren etwa, die nur noch selten wirklichen Druck aufbauen. Oder all die Streicherwände, die teils schon etwas kokett manch erdiges Rockriff dramatisch aufpimpen. Irgendetwas ist auch mit Paul Murphys Stimme los. Den altbewährten R.E.M.-Vibe des eigentlich hervorragenden "Black camera" skandiert er mit ungewohnter Schärfe in ein trotzdem leicht blasses Stakkato und findet im Grunde erst zum abschließenden Refrain echte Bindung zum Melodiebogen. Wenn der Song dann aber doch nichts anderes als eben ein Athens-Sound-Rocker im unteren Uptempo ist, dann entsteht automatisch ein Clash. Und der muss nicht per se produktiv sein.

Auch sonst stellt sich die Frage, ob Wintersleep all die Abweichungen aufnehmen können. Oder wirklich wollen. Und ob diese überhaupt groß genug sind, um sich durchzusetzen, ordentlich zu wühlen und so Spannung aus den Formaten zu kitzeln. "Encyclopedia" ist an sich schon nicht mit dem gewünschten drückenden Riff ausgestattet und wird dann auch noch ständig ausgebremst - von auf den Auftakt geklatschten "Ahaha"-Chorälen, einem einfach so dastehenden Orgelteppich sowie gar vom Bauerntrick der rückwärts abgespulten Gitarren. Hinzu kommen eine sehr bewusst so gar nicht auf Rock schielende Produktion und erneut diese seltsame Unwucht in Murphys Stimme. Der Song wird so gerade mal zu einer leicht dreampoppigen Version von Idlewild. Ein Umstand, der noch so einigen Gitarrenfiguren von "New inheritors" treu bleibt: So beim abschließenden "Baltic", einem Song, der kaum aus seinem harmlosen Mäandern herauskommt. Jedenfalls bis Wintersleep ihn mit satten Bassfrequenzen ins Kellergeschoss der eigenen Transusigkeit treten.

Dennoch: Meist hat "New inheritors" weitaus mehr anzubieten und findet doch wieder auf die Ideallinie zurück. So passt "Blood collection" eine zwischen Entspannung und Tiefe trippende Akkordfolge stets spurgenau auf einen ebensolchen Rhythmus. Der Titelsong hat den erhebenden Akustik-Pop von "Weighty ghost" keinesfalls vergessen, lässt ihn gar in einen Takt zuckeln, der das Dreampoppige in einen Trompeten-Trauermarsch hinein gelingen lässt. Den fröhlich-melancholischen Folk-Rock von "Trace decay" und "Terrible man" hingegen hätte mancher bereits den späten Death Cab For Cutie nur zu gerne wieder um die Ohren gehauen. Letztlich war es aber auch bei jenen kaum der Aufregung wert. Und auch Wintersleep formen hier Songs voller Selbstsicherheit, mit klarem Willen zum lautstarken Nachdruck und einer Spielfreude, die so manchen Haken ins Power-Pop-Format schlägt.

Built-To-Spill-Mastermind Doug Martsch äußerte einst sinngemäß in einem Interview, dass er der Überzeugung sei, man solle nicht die Musik spielen, die man am besten findet, sondern die, die man am besten kann. Gemeint war das sicherlich jenseits jeglicher Betonköpfigkeit, weshalb man die Weisheit des Tages auch nicht wie Homer Simpson auf die Feigheit zusammendrücken muss: "Daraus lernt man: Es gar nicht erst versuchen." Dennoch liegt das Problem von "New inheritors" darin, dass Wintersleep sich nicht allzu weit von ihrem Stil entfernen, ihm allerdings nicht mehr so richtig über den Weg trauen. Die Unwucht dieses Albums bringt Bewegung in die Musik - klappert teils aber auch bedenklich.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Experience the jewel
  • Blood collection
  • Trace decay
  • Mirror matter

Tracklist

  1. Experience the jewel
  2. Encyclopedia
  3. Blood collection
  4. New inheritors
  5. Black camera
  6. Trace decay
  7. Mausoleum
  8. Echolocation
  9. Terrible man
  10. Preservation
  11. Mirror matter
  12. Baltic

Gesamtspielzeit: 53:24 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
@TMOG
2012-12-28 13:56:04 Uhr
WTTNS und Untitled sind wohl am besten. Mit der ersten selbstbetitelten konnte ich nix anfangen. New Inheritors hat einige Füller, aber wie oben schon festgestellt auch richtig gute Songs.
Hello Hum muss ich mir selbst nochmal anhören. Mein Ersteindruck: durchwachsen, aber unter'm Strich nicht schlecht.
The MACHINA of God
2012-12-28 12:36:53 Uhr
Nachdem mich "Welcome to the sky" gefangen genommen hat, werd ich mal in den Nachfolger reinhören. Kommt ja nciht so gut weg.
Übrigens krass, wie sehr der Sänger auf der Platte hier nach (späten) Interpol klingt.
Ocean
2011-02-18 23:42:08 Uhr
So habe die Band nun auch quasi für mich entdeckt. Sicherlich ist sie nicht schlecht. Doch sie lassen meiner Meinung nach ihre klasse zu wenig aufblitzen. Gerade mal bei Drunk on Aluminium sowie Miasmal Smoke... und beim neuen Album bei Mausoleum so wie beim Schlussong.
Die Band hat jedoch ein riesen Potential und beide Alben sind sehr gut. Jedoch finde ich dass eine Steigerung sicherlich möglich ist. Das Debut Album kenn ich leider noch nicht. Werde mich von ihren live qualitäten auch bald überzeugen.

Ich würde die Band sogar mit Biffy Clyro vergleichen, wenn überhaupt, aber biffy sind dann doch noch ne stufe härter.
Obrac
2011-01-31 10:55:33 Uhr
Ich sehe da nicht mal ansatzweise eine Ähnlichkeit, ehrlich gesagt. Weder im Gesangstil noch bei Stimmung oder Arrangements. Die Musik von Wintersleep ist doch eher "warm" und harmonisch. Interpol haben da einen ganz anderen Ansatz.
qwertz
2011-01-31 10:34:57 Uhr
@Denniso: Geht mir genauso!
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