Extra Life - Made flesh

Extra Life- Made flesh

Loaf / Al!ve
VÖ: 01.04.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Gestatten, Hans Castorp!

Aha, "eigentlich alles" ist also gar kein Musikgeschmack, so finden sie? Bestenfalls ein flotter Spruch, den man mal flüchtig aufgenommen hat und im Alltag wunderbar anwenden kann? Sie begründen dies damit, dass niemand sowohl Black Metal, Avantgarde und Neue Musik als auch Gregorianische Choräle, Free Jazz oder Freak Folk hört und somit "alles" keine gültige Kategorie zur Formulierung eines individuell ausgeloteten Standpunktes musikalischer Präferenzen sein kann? Dann liegen sie relativ falsch, denn Charlie Looker ist wohl die lebendige Evidenz für den Typus Alles-Hörer. Nicht nur das: Er nimmt die Einflüsse verschiedenster Richtungen auf und verarbeitet sie in diesen acht Stücken auf beeindruckende Art und Weise.

Seine Band heißt Extra Life und klingt wie der böse, kannibalistische Zwillingsbruder der Dirty Projectors: Düster, kalt, bedrohlich, schizophren. Der hyperventilierende Opener "Voluptuous life" liefert eine beeindruckende Vorstellung davon, wie sich Animal Collective anhören könnten, wenn sie sich Nitroglycerin in die Venen pumpen würden. Das folgende "The ladder" ist ein klaustrophobischer Strudel kakophonischer Wucht, eine albtraumhafte Vision, die unbedingt süchtig macht, solange man sich nicht der Naturgewalt widersetzt und die Herausforderung annimmt. Durch die schiere Zerstörungswucht, das Chaos, das Abstoßende, das hier an jeder Wegeskrümmung lauert, erscheinen die Melodien wie hoffnungsspendende Lichtungen in finsteren Wäldern.

Was Looker mit seiner Stimme veranstaltet, kann als Drahtseilakt begriffen werden, denn wer seine Stimmbänder in dieser halsbrecherischen Weise zu einem eigenständigen Instrument umfunktioniert, hat entweder einen an der Murmel oder ist ein echter Masochist. Jemand, der die Schmerzen in dunkelste Kanäle lenkt, an deren Ende sagenhafte Trips wie "Head shrinker" oder das melodieverliebte "Black hoodie" stehen. Extra Life sind die Verquickung aus Anspruch und Können, aus abstoßenden Widerlichkeiten und begnadeten Experimenten. Eine Tour der Force ist dieses Album, gewiss. Nichtsdestotrotz begreift sich "Made flesh" als eine bewusstseinserweiternde Großtat, nach der niemand explizit verlangt hat.

Der Fünfer formuliert mit dieser LP eine kalkulierte Skizze, eine paradoxe Suche nach der eigenen, unbegreiflichen Identität. Der elfminütige Abschluss "The body is true" ist ein wüster Katalysator menschlicher Abgründe, der mit Wucht und stoischer Unaufhaltsamkeit die Hörgewohnheiten an die Leistungsgrenze strapaziert. Zum Ende hin bricht der Song auf, stößt beinahe in orientalische Gefilde vor und markiert die Katharsis dieser tiefenpsychologischen Abfahrt, die zwangsweise im Sanatorium endet: Ein vertonter Zauberberg. Und der Beweis, dass alltägliche Binsenweisheiten nicht immer wahr sein müssen.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • Voluptuous life
  • Black hoodie
  • Head shrinker

Tracklist

  1. Voluptuous life
  2. The ladder
  3. Made flesh
  4. One of your whores
  5. Easter
  6. Black hoodie
  7. Head shrinker
  8. The body is true

Gesamtspielzeit: 43:50 min.

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