Sage Francis - Li(f)e

Sage Francis- Li(f)e

Anti / Epitaph / Indigo
VÖ: 07.05.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Rapetenwechsel

Zuerst war das Wort. Und danach Licht und dann der ganze Rest. Die Macht der Worte zahlloser Unkenrufe reichte bisher jedoch nicht aus, um Rap und HipHop in die Grube zu schicken. Ganz im Gegenteil strampelt, rappelt und rumpelt es an allen Ecken und Enden. Zahllose Wortbaumeister bemühen sich ständig darum, dass dem Genre auch außerhalb seiner Grenzen Aufmerksamkeit zukommt. Dass Sage Francis zu den kräftigsten Stramplern zählt, ist hinlänglich bekannt. Vertrackte Beats, düstere Rhymes und trotzdem ein Fluss, der Köpfe beim Nicken zum Denken bringt, zeichneten seine Veröffentlichungen bisher aus. Doch nun folgt ein Tapetenwechsel, denn im Hintergrund von "Li(f)e" poltert eine Band, die Francis die passenden Töne unter die Worte schieben soll. Irgendwo zwischen Rock und unaufgeregtem Wüstencountry tauchen dann Gitarren und Schlagzeug in "Slow man" auf und stemmen die Last von Francis' Flow. Die Musik zu manchen Stücken kommt auch nicht von irgendwoher, sondern wurde von illustren Gästen geschrieben. So stammt etwa der Opener aus der Feder vom ehemaligen Grandaddy Jason Lytle, an anderen Stücken waren Mitglieder von Calexico und DeVotchKa beteiligt.

Dabei verzichten gerade die meisten Stücke auf verspielte Ausflüge. Sie sind nicht bloß Unterlage für Francis, sondern vornehmlich auch Rückzugsort. So nutzt "Polterzeitgeist" die Drums und eine jammernde Gitarre, um jedes Vermissen von Beats verpuffen zu lassen und sich darauf für kurze Zeit in eine spuckende Säge zu verwandeln, die sich langsam in alles bohrt. Aber solche Momente sind rar, fast könnte schon von Wohlklang die Rede sein. Viel zu entspannt geht es in "I was zero" zu, das langsam vor sich hin schunkelt. Wäre da nicht immer wieder die Gewissheit, dass sich da in den Zeilen bitterer Schmerz versteckt. Nicht die ganze Zeit schafft es "Li(f)e" Gift und Galle zu Röcheln. Dafür ist "Worry not" dann doch einfach zu nett und freudenbesoffen mit seinem lallenden Chor und einem musikalischen Hintergrund, der jedem Moment auseinanderzubrechen droht. Manches verkriecht sich ein wenig und muss sich erst durch ein paar Durchläufe entfalten, wie etwa "Love the lie" mit seinem süßlichen Optimismus. Beatlastigkeit kann der Platte definitiv nicht vorgeworfen werden.

Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass "Li(f)e" trotzdem genau weiß, wo die Flinte hängt. Gerade in "Little Houdini" schleppt sich das Schlagzeug durch die Gegend und gibt einen stabilen Steg, über den Francis dankend drüberprescht. Kurz darauf bläst "Three sheets to the wind" am Anfang mit seinen verstopften Trompeten taumelnd zum Angriff, bis das Sample-Gequatsche von einer drückenden Gitarre abgelöst wird, die sich so bitter und dunkel langsam ausrollt, dass die Luft zu flirren beginnt. In der ersten Hälfte knallen solche Songs nach vorne und geben erstmal Halt. Denn Francis hat Ecken und Kanten versteckt, die es im weiteren Verlauf zu entdecken und zu handeln gilt, bevor allerdings mit "The best of times" nochmal alle Himmel aufgerissen werden. Vor einem stumpfen Klavier türmen sich die Worte von Francis. Es geht dabei nicht um Stilfiguren, nicht um Reime, auch der Flow wird zurückgelassen. Es geht nur noch um Bedeutung. Dann setzt die eine Gitarre ein, verstärkt das fragile Gerüst, und der Flow ist wieder da und schwupt auf einen kleinen Höhepunkt hoch, der bitter und lieblich schmeckt und sich doch unauffällig neben die Worte platziert. Am Ende ist es wieder da: Ein Wort, das in der Musik verhallt.

(Björn Bischoff)

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Highlights

  • Three sheets to the wind
  • Diamonds and pearls
  • The best of times

Tracklist

  1. Little Houdini
  2. Three sheets to the wind
  3. I was zero
  4. Slow man
  5. Diamonds and pearls
  6. Polterzeitgeist
  7. The baby stays
  8. 16 years
  9. Worry not
  10. London Bridge
  11. Love the lie
  12. The best of times

Gesamtspielzeit: 48:02 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Third Eye Surfer
2010-11-02 21:54:59 Uhr
Ich hab mir mal ein Album von dem angehört (Titel ist mir entfallen), aber das war mir persönlich zu viel Spoken Word Kram. Sicher nicht schlecht, aber Spoken Word ist nur selten meins.
Björn
2010-11-02 15:20:03 Uhr
Hat sich irgendwer eigentlich mal B.Dolan zu Gemüte geführt?
OD
2010-11-02 15:14:34 Uhr
Guter Mann, der Sage!
Hannah Honigkuchen
2010-11-02 12:20:05 Uhr
London Bridge? Das is doch von Fergie! Der Sage is en biter...tststs :D
zany
2010-08-08 08:34:34 Uhr
Ich bin wirklich heilfroh, dass ich Sage Francis auch noch entdeckt habe.
Nur schade, dass er im Oktober nur nach Berlin und Hamburg kommt..
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