Amanda Jenssen - Happyland

Amanda Jenssen- Happyland

Epic / Sony
VÖ: 07.05.2010

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Schweden findet

"Was entwickelte Gotthold Ephraim Lessing für Deutschland?", fragte Günther Jauch jüngst bei "Wer wird Millionär?" einen Kandidaten, der Lessing attestierte "irgendwas in Richtung Literatur" gemacht zu haben. Richtige Antwort: Das bürgerliche Trauerspiel. Macht 500 Euro für den Kandidaten und nur die halbe Wahrheit. Was der Dichter im 18. Jahrhundert sicher noch nicht auf der Rechnung hatte, ist das Trauerspiel im musischen Bereich, dem Deutschland seit 2000 ("Popstars") und allerspätestens 2002 ("Deutschland sucht den Superstar") ausgesetzt ist. Ohne gleich wieder in einen Monolog über anhaltende Erfolglosigkeit abzudriften, sei in aller Seelenruhe konstatiert, dass nicht ein einziges "Produkt" internationales Format hatte. Das ist bei 82 Millionen Einwohnern durchaus ein Trauerspiel und doppelt peinlich nach einem beschämenden Blick in umliegende Länder, die regelmäßig Beispiele liefern, wie es besser geht. Deutschland sucht den Superstar - Schweden findet ihn.

"Bourgeois Shangri-La" war, nach der hierzulande als Cover kursierenden Nummer "Do you love me", das endgültige Zeichen von Amanda Jenssen, aus Schweden auch Kurs Richtung Bundesrepublik zu nehmen. Die Casting-Zweite sang sich mit dem Gastauftritt auf Miss Lis Album direkt in die iTunes-Werbung - und ins Gedächtnis. Bei der Gelegenheit musterte sie Lis Werk vermutlich sehr genau. Denn sowohl der eifrige Ausflug in die Tango-Welt in "Our time", als auch der Piano-Pop in "The rebounder" lassen deren Antlitz vor dem geistigen Auge auftauchen. Die Vergleichsakte schließt damit. "Happyland" nutzt seine Spielzeit unterdessen, um sich im großen Sumpf des Pop vollzusaugen.

"Happyland" hat als einziger Song freien Eintritt im Synthiepark und darf den teilweise zwangsverpflichtend klingenden Background-Gesang mit einschleusen. Die brassigen Bläser kommen später hinzu. Es wird nicht ihr letzter Auftritt bleiben. In "Save me for a day" zeigt sich Jenssens Neigung zum Jazz, die sie spätestens seit Kindheits-Auftritten mit ihrem Vater in einer Cover-Jazz-Kombo haben dürfte. Sie selbst tituliert es als Gangster-Jazz. Auch "Charlie" klimpert am Jazz-Piano und zupft sich mit dem Kontrabass aus dem Underground in die Soul-Popwelt. Es leben die 60er. Bester Beleg: "Borderline". "Morning light" punktet mit der Ausgewogenheit ihrer Stimme zwischen klarer Intonation und dem leicht dreckigen Klang aus Schwere und Erkältungsmittel. Und "Sing me to sleep" ist, der Name verrät es bereits, ein lupenreines Wiegenlied. Das lässt die schwelgerischen, Streicher-getränkten Exzesse in "The end" und "I choose you" fast vergessen.

Es wäre nicht fair, den Text mit dem Wort "Vergessen" zu beenden. Vergesst ruhig die nächsten Episoden des deutschen Casting-Trauerspiele, aber diese Frau nicht. Wenigstens nicht ganz.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • Happyland
  • Save me for a day
  • Charlie

Tracklist

  1. Happyland
  2. Save me for a day
  3. Autopilot
  4. Morning light
  5. Our time
  6. Sing me to sleep
  7. The rebounder
  8. The end
  9. Charlie
  10. Common Henry
  11. Borderline
  12. I choose you

Gesamtspielzeit: 37:31 min.

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