65daysofstatic - We were exploding anyway

65daysofstatic- We were exploding anyway

Hassle / Soulfood
VÖ: 30.04.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Post-Trilogie

Wallenstein, Krieg der Sterne, Matrix, Sissi, und dann demnächst auch noch Avatar, zuletzt gar Tocotronic: Alles Trilogie, alles Konzept, alles Gesamtkunstwerk. Gerade bei letzteren darf man aber sagen: Muss doch ein Scherz sein. Denn letztlich ist es doch nicht allzu weit her mit dem Aufbruch zu neuen Ufern. So auch bei 65daysofstatic. Da man hinterher ja immer schlauer ist, könnten auch sie ihr bisheriges Oeuvre nachträglich als Dreieinigkeit bezeichnen, haben sie doch einen musikalischen Neubeginn angekündigt. Geschuldet ist das sicher einem Befreiungsschlag aus der Gattung Postrock, ein Begriff, den das Quartett noch nie mochte, bei dem es sich aber auch nie wirklich wundern durfte - schließlich war das Genre anfangs sehr viel experimenteller, elektronischer und tektonischer gedacht, als es der Mainstream der letzten Jahre aussagte. 65daysofstatic sind nach wie vor ein dicker, doch enorm beweglicher Fisch im Strom dieser Gleichförmigkeit. Waren sie immer schon, daran hat sich nichts geändert.

Auf ihrem ersten posttrilogischen Album "We were exploding anyway" zirpt und klirrt es jetzt häufiger. Melancholische Flächigkeit produziert keine Schmerzen mehr in sechzehntelverrückten Unterarmmuskeln, ein beherzter Klammeraffengriff auf die Synthie-Klaviatur reicht oftmals aus. Auch die Rhythmusfiguren gehen eine Verschmelzung mit der Beatmaschine ein. Schlagzeug und Drumpattern sind vom Sound her derart dicht übereinandergelegt, dass sie teils wie Zwillinge im Spiegelkabinett erscheinen. Was hingegen bleibt, sind die Melodien und die Spannungsbögen - und zwar ohne Wenn und Aber.

"Mountainhead" beginnt als unterkühlter Trans-Am-Takt, steigert sich aber schnell zu einem Kraftwerk-Funk-Koloss, bringt Farbe ins Spiel, synthetisiert zwar die Sounds, aber nicht die Gefühle. Denn spätestens wenn der drückende Basslauf die Führungsrolle übernimmt, gehen die Fäuste wieder in der Luft. "Dance dance dance" macht nach streicher- und keyboardflächenverwirrtem Beginn zunächst so richtig auf dicke Techno-Hose, produziert ordentlich Bratzen und Kratzen zu einem Big Beat, wie er sein muss: ohne Rücksicht auf Verluste und in vollster - seien wir ehrlich, denn so haben sie sich das gedacht - Manneskraft. Schließlich werden die Gitarren aber selbstverständlich doch hochgefahren, hämmert sich das Schlagzeug durch Wirbel, die man wohl künstlich nachbauen, aber nicht konstruieren kann. Sie werden so zu einer machtvollen Scheidemarke, stehen immer wieder fürs Freispiel im musikalischen Konzept. Ein Element, das kontrolliert werden kann, aber nur nach Regeln, die es selber aufstellt.

Auch dem süßlichen Glockenspiel von "Piano fights" tun 65daysofstatic rein gar nichts zuleide. In der Tat ist dies der konventionellste Song auf "We were exploding anyway". Im vollsten Verstärker-Halligalli, jedoch mit der juckenden Rhythmik ausgestattet, die 65daysofstatic schon immer auf der heißen Pfanne hatten. Wie um dagegen anzupoltern, schubst dann "Weak04" gleich darauf alles aus dem Weg. Hier wird - zusammen mit dem zehnmünitigen Abschluss "Tiger girl" - die neue Klangverschiebung wohl am konsequentesten ausgespielt. Bis auch dieser Song wieder in postrockende Allgemeinplätze hinein aufquillt - und sie zugleich eben doch zum Explodieren bringt.

Ein Schicksal, das dem dicken Robert von The Cure ja schon des Öfteren prophezeit wurde. Auf "Come to me" übernimmt er die ersten und einzigen Gastvocals. 65daysofstatic mischen ihr Souvenir von der 2008er-Supporttour jedoch gut unter, lassen die Stimme beinahe in ihrem Klangfahrwasser absaufen. Recht so, denn ein weiteres Icon brauchen sie ebenso wenig wie ein eigenes Genre. Es ist einfach Postrock - auf äußerst spielfreudigem und hohem Niveau.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Mountainhead
  • Dance dance dance
  • Piano fights
  • Weak04

Tracklist

  1. Mountainhead
  2. Crash tactics
  3. Dance dance dance
  4. Piano fights
  5. Weak04
  6. Come to me
  7. Go complex
  8. Debutante
  9. Tiger girl

Gesamtspielzeit: 51:19 min.

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User Beitrag

Coaxaca

Postings: 558

Registriert seit 14.06.2013

2016-03-20 20:08:54 Uhr
Ist auch der beste Track des Albums.

XTRMNTR

Postings: 686

Registriert seit 08.02.2015

2016-03-20 08:48:33 Uhr
"Debutante" ist ja der helle Wahnsinn.
Muss mich doch mal mehr mit denen beschäftigen.
Dan
2011-11-19 19:44:59 Uhr

Was für ein hervorragendes Album, was ich erst jetzt entdecke!
Blackberry
2010-12-30 02:40:19 Uhr
neue ep? soweit bin ich noch nicht.

zum album: ich bin froh, dass sie sich wieder gefangen haben. den vorgänger fand ich nämlich richtig scheiße und die ep, die danach erschien, auch. daher hatte ich zwischenzeitlich auch mal das interesse verloren. aber "come to me" & "piano fights", meine fresse!
JB
2010-11-06 11:29:52 Uhr
so isses
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