Herzer - Glas

Herzer- Glas

Bonanza / Polydor / Universal
VÖ: 05.11.2001

Unsere Bewertung: 2/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Herzstillstand

Heutzutage gibt es genau zwei Möglichkeiten, in der Musikbranche ohne viel Aufwand etwas zu erreichen: Entweder man schaut bei den Jungs und Mädels von RTL 2 vorbei und versucht sich in der Castingshow "Popstars" - oder man nimmt eine New Metal-Platte auf. Die fünf jungen Männer von Herzer haben ihn wohl auch gehabt, den Traum vom Lotterleben, Groupies bis zum Abwinken und natürlich mehr Kohle, als selbst Elton John ausgeben könnte. Da es jedoch bei "Popstars" kaum für die zweite Vorladung namens "Recall" gereicht hätte, haben sie sich für die einzig verbleibende Möglichkeit entschieden und sind - wie zu befürchten war - prompt bei einem Major-Label untergekommen.

Während andere also weiter zur Primetime vor einer Jury mit fragwürdiger Kompetenz den Hampelmann machen, sind Herzer bereits einen Schritt weiter und präsentieren ihr Debütalbum "Glas". Auf dem Albumcover geben sich die fünf als ungeheuer unzufriedene und schlecht gelaunte Zeitgenossen, und erläutern im Pressetext, daß sie ihre Mission darin sehen, den "stumpfen Egoismus, der ja gerade zur Zeit sehr verbreitet ist" anzuprangern und die Menschen dazu zu bringen, über "sich und die Welt nachzudenken". Aha.

Alles gut und schön, nur hat man zu Beginn von "Glas" zunächst mit ganz anderen Problemen zu kämpfen: zum Beispiel Philipp Brauns, seines Zeichens Sänger, Rapper und Shouter in Personalunion, dessen Raps den spröden Charme eines Oli P. ausstrahlen, während sein Gesang variabel und wandlungsfähig wie der eines Jünglings im Stimmbruch daherkommt. Im Hintergrund irren derweil uninspirierte Gitarren durch die Gegend, treten Hip-Hop-Beats auf die Plattfüße und rennen völlig deplazierte Streicher über den Haufen. Was sich hier wie ein einziges Chaos liest, klingt auf Platte in der Tat wie ein Sammelsurium an unausgegorenen Ideen mit der Eigenständigkeit eines zweibeinigen Stuhles.

Einen Lichtblick inmitten von Dunkelheit stellen die Texte dar, die ein ums andere Mal durch ungewollte Komik glänzen: "Jetzt bin ich durch und durch in einem bösen Traum / Gefangen unbefangen bis die Schädeldecke abplatzt" heißt es beispielsweise in "Seifenblasen". Und während man sich prüfend an die Stirn faßt, formulieren Herzer selbst den Satz, der dem Hörer schon seit dem ersten Durchgang auf der Zunge liegt: "Komm zeig mir irgendwas, das mich heut noch hoffen lässt." Doch jede Hoffnung ist vergebens. Herzer bleiben sich bis zum bitteren Ende treu und präsentieren sich dabei - ganz konträr zu ihrem Bandnamen - konsequent unbarmherziger, als die Wildecker Herzbuben es je gekonnt hätten.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

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Tracklist

  1. Hinter den Fassaden
  2. Findelkind
  3. Monochrom
  4. Jetzt sind wir dran
  5. Schwarz
  6. Meilenweit
  7. Frau im Herbst
  8. Seifenblasen
  9. Liebesbrief
  10. Todestag
  11. Killer
  12. Es ist vorbei
  13. Schwimmen

Gesamtspielzeit: 54:40 min.

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