North Atlantic Oscillation - Grappling hooks

North Atlantic Oscillation- Grappling hooks

Kscope / Edel
VÖ: 02.04.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Volle Ladung

Kleine rote oder blaue Kugeln, verziert mit schlichten mathematischen Zeichen, flitzen durch den Kupferdraht in Richtung anderer, etwas größerer Kugeln, die ebenfalls mit mathematischen Zeichen bemalt sind. Nein, vorstellen kann man sich das nicht, wie das mit den Elektronen und Protonen wirklich funktioniert. Physik in Sprache zu übersetzen, um sie verständlich zu machen, ist ein unlösbares Dilemma. Entweder wird die Sprache so kompliziert, dass sich ihr Verständnis erst nach drei Doktortiteln langsam entschließt, oder man kommt zu dem hübschen, aber vollkommen falschen Bild der durch die Leitung flitzenden Kugeln.

Musik hat ein solches Problem nicht. Sie ist zwar eine sehr abstrakte Form der Kommunikation, macht aber auf dem Weg in unser Hirn eine große Kurve um den Verstand. So lassen North Atlantic Oscillation ihre Hörer gleichzeitig durch die Innereien pluckernder Synthesizer, technoide Computerwelten und großflächige Wetterphänomene fliegen. Und das alles ohne einen Abschluss in Physik. Auf "Grappling hooks" setzt die Band auf die Melodieverliebtheit klassischer Prog-Platten, schickt aber alle ihre Songs noch einmal über die Datenautobahn und füttert sie mit Bits, Bytes und Effekten an. Bevor sich die Hälfte der Leserschaft jetzt abwendet, weil das alles nach zu viel Plastik und Konserve klingt, bitte kurz weiterlesen. Denn die ganze Technikspielerei klingt hier nie übertrieben. Das Sperrfeuer des elektronisch überladenen Piepsens, Dröhnens, Pluckerns und all der anderen Störgeräusche fügt sich organisch in den klassichen Rock-Unterbau aus Schlagzeug, Bass und Gitarre ein und treibt den Ladungspegel auf zehn gegen den Strich gebürstete Katzen auf Gummisohlen.

Coheed & Cambria, Pure Reason Revolution und vor allem Pink Floyd sind die hervorstechenden Einflüsse der drei Schotten. "Hollywood has ended" erinnert mit seinem hallig-spacigen Gesang und der diskreten Akustikgitarre zunächst an eine verlorene Fußnote zu "The dark side of the moon", bevor das Stück plötzlich in einer Explosion aus Synthie-Schichten zum Tanzbodenfüller wird. "Some blue hive" macht es andersherum. Zu Beginn poltern die Drums und verschluckt sich das Keyboard an seiner eigenen Melodie, dann driften North Atlantic Oscillation ins Sphärische ab und schichten Harmonien über noch mehr Harmonien, an denen es sich jeweils kaum satt hören lässt.

An anderer Stelle scheut sich Band aber auch nicht, die Gitarren mal richtig aufzudrehen und für frische Luft in den Gehörgängen zu sorgen. "Star chamber" und "Drawing maps from memory" etwa fräsen sich mit ihren Overdrive-Gitarren ganz formidabel aus den Boxen. Und das hält all die kleinen roten oder blauen Kugeln mit dem Minuszeichen ebenso ordentlich auf Trab wie den Herzschlag des Hörers.

(Maik Maerten)

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Highlights

  • Hollywood has ended
  • Some blue hive
  • Ritual

Tracklist

  1. Marrow
  2. Hollywood has ended
  3. Cell count
  4. Some blue hive
  5. Audioplastic
  6. Ceiling poem
  7. Alexanderplatz
  8. 77 hours
  9. Star chamber
  10. Drawing maps from memory
  11. Ritual
  12. (untitled)

Gesamtspielzeit: 49:18 min.

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