Madsen - Labyrinth

Madsen- Labyrinth

Vertigo / Universal
VÖ: 23.04.2010

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die neue Seltsamkeit

Jetzt einmal ganz ohne Ironie: Sebastian Madsen hat eine Menge Glück gehabt. Aus fünf Metern Höhe stürzte der Sänger beim Videodreh zur Single "Lass die Liebe regieren" ungebremst auf einen Betonfußboden. Da hätte noch weitaus Schlimmeres passieren können als "nur" der Bruch des Handgelenks und mehrere Schnittwunden am ganzen Körper. Die Genesungswünsche kamen bereits zahlreich und werden nach Veröffentlichung des Albums "Labyrinth" vermutlich noch zahlreicher werden. Denn schon ein kurzer Hördurchgang macht deutlich, dass der vierte Longplayer zunächst unerschrocken in Gebieten wildert, die Madsen bislang nicht zu betreten gewagt hatten. Klar hat die Band noch nie große Gesten, Emotionen und Wagenladungen Pathos gescheut, aber auf "Labyrinth" werden diese Gefühle neuerdings auch mit einer musikalischen Experimentierfreude gekoppelt, die man den Urhebern von Indiehits wie "Die Perfektion" so nicht zugetraut hätte.

Am offensichtlichsten kommt diese neue Seltsamkeit in den sechs Minuten des eröffnenden Titelstücks zum Tragen, das schwerste Queen-Geschütze auffährt. Man kann das natürlich als dreisten "Bohemian Rhapsody"-Rip-Off brandmarken, sich aber eben auch an den ausschweifenden Arrangements, Chorgesängen, dramatischen Klavierakkorden und Glamrock-Schweinegitarren erfreuen. Die Band selbst scheint bereit zur Grenzüberschreitung: "Mach dich nicht kleiner, als du bist / weißt du, dass hier alles möglich ist?" Sie könnten Recht haben. Einen derart deftigen und wütenden Groover wie das darauffolgende "Mein Herz bleibt hier", dessen Bridge mit der Wucht einer Kanonenkugel daherkommt, hatten die Norddeutschen bislang ebenfalls noch nicht im Gepäck. Fast wirkt es so, als hätte der letztjährige Abgang von Keyboarder Folkert Jahnke die Band von Genrefesseln befreit und das Kreativitätsventil geöffnet. Fast.

Denn aufmerksamen Lesern wird die Einschränkung "zunächst" im ersten Absatz nicht entgangen sein. Nach dem überraschenden Beginn verlässt Madsen nämlich der Mut zum Risiko. Warum der Sänger ausgerechnet beim Videodreh für den biederen Schmachtfetzen "Lass die Liebe regieren" Kopf und Kragen riskieren musste, bleibt jedenfalls ein Rätsel. Auch in "Zwischen den Zeiten" und "Jeder für Jeden" regiert das Pathos und erstickt jegliche musikalische Eigenständigkeit im Keim. Schade. Zwar kommen später noch einige richtig große Kaliber, etwa der zackige Großstadt-Diss "Berlin", das Hardcore-Geschmetter "Blockade" oder das beschwingte Roadmovie "Moped", und auch "Obenunten" stellt gekonnt eine verrauchte Hinterzimmeratmosphäre her. Doch der Überraschungseffekt vom Anfang ist da bereits verpufft. Madsen bemühen sich zweifellos, die beklemmend enge Schublade "Indie-Hoffnung" zu verlassen, bleiben aber doch mit einem Bein darin hängen. Trotzdem ist "Labyrinth" ein interessantes Album geworden - vielleicht das Aufregendste der bisherigen Bandgeschichte. Ein Weg, den sie sie gerne weiter beschreiten dürfen. Hals- und Beinbruch dafür.

(Mark Read)

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Highlights

  • Labyrinth
  • Mein Herz bleibt hier
  • Blockade

Tracklist

  1. Labyrinth
  2. Mein Herz bleibt hier
  3. Lass die Liebe regieren
  4. Zwischen den Zeiten
  5. Berlin
  6. Das muss Liebe sein
  7. Blockade
  8. Jeder für Jeden
  9. Moped
  10. Schön dass Du wieder da bist
  11. Obenunten
  12. Sieger

Gesamtspielzeit: 45:05 min.

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User Beitrag
ZickZack
2010-04-28 20:15:55 Uhr
Sorry.
Ich lese hier so gut wie keine Rezension.
Ich guck nur nach der Wertung und den Referenzen.
Sebastian Krumbiegel
2010-04-27 23:36:20 Uhr
Klingt für mich aber auch deutlich nach den fabelhaften Prinzen.
@ZickZack
2010-04-27 23:32:57 Uhr
Ach? Das mit Labyrinth ist vor dir gewiss noch keinem aufgefallen ... ;)
Schon mal die Rezension hier bei PT aufmerksam gelesen?
ZickZack
2010-04-27 19:37:23 Uhr
Ich finde, der Anfang von Labyrinth hat was von Queens Bohemian Rhapsody.
ObenUnten ist ein grandioses Lied.
Alex
2010-04-27 08:45:24 Uhr
Ne, ich finde mittlerweile, dass Madsen eine Band sind, die man absolut ernstnehmen kann und soll. Viel besser als "Vision-Deutschrock-Durchschnitt".
Authentisch und energiegeladen waren sie schon immer, und mit dem neuen Album machen sie einen großen schritt in die richtige Richtung. Trotz des ein oder anderen Ausfalls, ich finde es gut.
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