Bonnie 'Prince' Billy & The Cairo Gang - The wonder show of the world

Bonnie 'Prince' Billy & The Cairo Gang- The wonder show of the world

Domino / Indigo
VÖ: 26.03.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Hüben wie drüben

Wie die meisten Kunst- und Kulturschaffenden wird auch Will Oldham an seinen vermeintlichen Großtaten gemessen. Anno 2010 muss man aber konstatieren, dass eine durchgängig gefühlte Faszinationskraft schon länger nicht mehr von ihm ausgeht. Das aber hängt davon ab, welchen Blick man auf den Mann aus Louisville, Kentucky richtet - wie auch generell auf künstlerische Erzeugnisse. Schließlich sind solche nicht gleichzusetzen mit Fußballergebnissen, die in die Kategorien "Gewonnen", "Verloren" und manchmal auch "Unentschieden" einzuteilen sind. Die Milchmädchenrechnung "Jeder Albumtrack muss spitze sein!" geht zwar für viele Menschen auf, macht aber aus einem Menschen wie Oldham nur einen Lieferanten von erhofft erstklassiger Ware und den Konsumenten zum schlichten Kunden, jenseits von jeglichem Feingefühl.

Oldham gefällt sich seit einigen Jahren in der Rolle des nimmermüden Tausendsassas, der hier und dort intensiv schnuppert und dessen Näschen kaum zu bändigen ist. So folgte auf das britisch-kaledonisch intonierte, fantastische Live-Album "Is it the sea?" der bis dahin ungewohnte Breitwand-Country von "Beware". Was ihn als Künstler im Hier und Jetzt also ausmacht, sind nicht qualitätsgeprüfte Veröffentlichungen, sondern die schnell aufeinanderfolgenden, extravaganten Zwischenschritte und Transformationen. "The wonder show of the world", eingespielt mit der Ein-Mann-Band The Cairo Gang alias Emmett Kelly, schlägt wie erwartet eine komplett andere Richtung ein. Doch bevor diese offenbart wird, setzt der erste Track "Troublesome houses" zum geschickten Brückenschlag an. Der Breitwand-Country bröckelt subtil und bittersüß, erdige Lo-Fi-Drums begeistern als Gegensatz zum perfekt aufeinander abgestimmten Stimmenspiel von Oldham und Kelly einerseits, andererseits zu einer extrovertierten, melodiösen 70s-Bratzgitarre.

"Teach me to bear you" steckt dann schon mittendrin in einem Album, das in erster Linie wohl als "ruhig", "besinnlich" bis hin zu "langweilig" durchgeht, erst aber auf den fünften, sechsten, siebten Blick, an schroffen Ecken und Kanten vorbei, seine wahre Stärke entfaltet. "With cornstalks or among them" bringt ein weiteres Stilmittel mit ein - in eine Pltte, die spätestens mit diesem dritten Track bestens funktioniert: Wie aus einem hypnotischen Mantra heraus, erwächst ein sakraler, alles beherrschender Chorgesang der beiden Hauptakteure, der jegliches Instrumentarium zum Schweigen bringt. Noch eine Spur radikaler versucht dies "Someone coming through", das dem Hörer mehr Platz zum Atmen und Reflektieren lässt als ohnehin schon. Nicht jede Ecke und Kante von "The wonder show of the world" entpuppt sich aber als verhülltes Goldgeschenk: "The sounds are always begging" übertreibt es mit seinem sommerlichen Rhythmus. Das siebenminütige "That's what our love is" löst sich deutlich zu schnell in ähnlich gelagertes, unaufgeregtes Wohlgefallen auf.

Mitgenommen von "Beware" hat "The wonder show of the world" das offensichtliche und bewusste Vorbeilaufen an erfüllender Melodiösität, was den ersten Track wiederum zum offensichtlichen Blender macht. Es erscheint sogar in vielen Momenten improvisiert. "Where wind blows", erst nach und nach in voller Blüte erstrahlend, profitiert von dieser Herangehensweise. Zu Beginn an die strukturlosen Experimente von "Get On Jolly" erinnernd, verfällt es urplötzlich kurzen, ganz zarten melodiösen Spitzen, bevor ein radikaler Übergang zum Fast-Stillstand erfolgt - um dann zum Schluss mit einer gehörigen Portion Soul nochmals aufzutrumpfen. "The wonder show of the world" ist eines der ungewöhnlichsten und auch forderndsten Alben in Oldhams Karriere, was sicherlich auch an Emmett Kelly liegen mag. Doch zentral bleiben nun mal die Übergänge von Album zu Album. Und hier ist schön zu hören, dass Oldham seine jüngsten Experimente wieder in Zurückhaltung und Stille sucht. Dass das nicht Bestand hat, dürfte dank jüngster Entwicklungen klar sein. Genießen wir es also, so lange "The wonder show of the world" aktuell bleibt.

(Markus Wollmann)

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Highlights

  • Troublesome houses
  • Merciless and great
  • Where wind blows

Tracklist

  1. Troublesome houses
  2. Teach me to bear you
  3. With cornstalks or among them
  4. The sounds are always begging
  5. Go folks, go
  6. That's what our love is
  7. Merciless and great
  8. Where wind blows
  9. Someone coming through
  10. Kids

Gesamtspielzeit: 51:19 min.