The Irrepressibles - Mirror mirror

The Irrepressibles- Mirror mirror

V2 / Cooperative / Universal
VÖ: 26.03.2010

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Einen in der Krone

Sagen wir's mal ganz frei heraus: The Irrepressibles haben keinen Drummer, aber einen Schlag. Es reichen schon die ersten sieben Sekunden, in denen Sänger Jamie McDermott "My friend Jo / Was a crazy bitch" gurrt, um zu ahnen: Hier wird ordentlich Drama aufs Brötchen geschmiert - und dieser Aufstrich kommt nicht gerade aus dem Kühlschrank. McDermotts Lidstrich entstammt auch nicht dem Volkshochschulkurs "Dezentes Schminken für die reife Dame", obwohl das stimmlich durchaus hinhauen könnte. Er klingt nämlich wie eine Mischung aus Antony Hegarty, Billy Mackenzie und Marc Almond. Mit anderen Worten: Diese Stimme muss man mögen - ansonsten wird man's nicht so leicht damit haben, Gefallen an "Mirror mirror" zu finden.

Spieglein, Spieglein an der Wand, wie verliert man den Verstand? Innerhalb einer guten Dreiviertelstunde beantworten The Irrepressibles diese Frage ausführlich. Ein gewisser Narzissmus kann dabei offenbar nicht schaden, wie McDermott daheim im Vereinigten Königreich auch gerne in Interviews beweist. Dann sagt er Sätze wie: "We're like nothing you've heard or seen before. And if you have, they've probably been influenced by us." Man könnte sich prima vorstellen, wie er anschließend, nach einer kleinen Kunstpause, einmal kurz mit den Fingern schnippt und ein prächtiges Pfauen-Rudel hereinstolziert, um kollektiv und meisterhaft choreographiert ein Rad zu schlagen. Denn wir haben es hier nicht mit einer handelsüblichen Band aus London zu tun, sondern mit einem atemberaubenden zehnköpfigen Performance-Orchester.

Auch ohne visuelle Komponente sind diese Stücke ein unvergleichliches Spektakel, ein barockes Lustspiel zwischen Schmalz und Balz - als stünde jeden Moment der Angriff der liebestollen Federboas bevor. Dass man trotzdem nie an Kinderfasching denkt, ist den überaus seriösen und ausgefeilten Arrangements zu verdanken, insbesondere den Streichern, die Theatralik als kompromisslos leidenschaftliche, aber gänzlich uneitle Sache begreifen. Die Damen und Herren, die unter anderem Violine, Cello, Piano, Oboe, Flöte und kaum Klischees bedienen, könnten auch in einem renommierten Konzerthaus mit vergoldeter Decke Schostakowitsch musizieren. Stattdessen verschmelzen sie Klassik, Avantgarde und Pop zu etwas, das keineswegs zwischen den Stühlen sitzt, sondern stattlich thront. Wäre der Name nicht schon vergeben, müsste diese Band "Queen" heißen.

McDermott und sein Hofstaat wissen, wo der Unterschied zwischen Bombast und Grandezza liegt - Grenzen werden begangen, aber nie überschritten. Außer an der Stelle in "My witness", an der die Streicher kurz glauben, sie seien eine Heavy-Metal-Formation. Aber ansonsten gelingt eine durchweg perfekte Inszenierung: Der aufgekratzte Cabaret-Pop des Openers wird vom mystischen "I'll maybe let you" aufgefangen, dessen Kontrabass glatt aus einem James-Bond-Film stammen könnte. Das opulente Chorstück "Anvil" klingt hingegen nach Wildwest-Kulisse, zumindest im Refrain, während das eher bedächtige "Forget the past" eine geradezu hypnotische Hymnik erreicht - und McDermotts Stimme eine ergreifende Tiefe. Ein Lied später, im "Knife song", singt er sensationell lasziv, umschwärmt von einem wunderbar nostalgischen Orchester-Arrangement. "Nuclear skies" fällt nach kurzem Akustikgitarrengeplänkel mit gefühlten drei Orchestern ins Haus, und zum großen, pastoralen Finale "In this shirt" gibt es dann tatsächlich auch noch eine Kirchenorgel. Halleluja!

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • My friend Jo
  • Forget the past
  • Knife song
  • In this shirt

Tracklist

  1. My friend Jo
  2. I'll maybe let you
  3. In your eyes
  4. Anvil
  5. Forget the past
  6. Knife song
  7. My witness
  8. Nuclear skies
  9. Splish! Splash! Sploo!
  10. The tide
  11. Transition instrumental
  12. In this shirt

Gesamtspielzeit: 46:10 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Ryka
2010-06-21 23:29:08 Uhr
ich fand's so schade, dass sie ihren Auftritt in München abgesagt hatten, hatte die Karten schon und mich sehr darauf gefreut, weil sie mir beim Haldern letztes Jahr so gut gefielen. Stelle mir ein richtiges Konzert von ihnen auch ganz großartig vor.
Mim
2010-06-21 23:22:31 Uhr
Bis jetzt Album des Jahres für mich

Und das Konzert in Köln gehörte zu den Besten der letzten Jahre-was für eine Stimme!!!

Genau mein Geschmack

Wie übrigens auch Antony
gn
2010-05-27 18:59:19 Uhr
Stimme den letzten beiden Teilnehmern in vollem Umfang zu.
Sleepyheadphone
2010-05-26 20:34:09 Uhr
Mit so einem Live-Konzept kann eine Band wie die Irrepressibles gar nicht "unnötig" sein. Was da so abgeht ist kreativer als so manches, was eine durchschnittliche Band heutzutage so abliefert.
night porter
2010-05-11 11:47:05 Uhr
Wobei Antony auch ganz schön kitschig und grell sein kann, gerade auf der ersten CD bei Twilight oder Hitler in my heart und mir scheint nicht, dass das seine schwächsten Momente wären. Es finden wahrscheinlich viele die Irrepressibles unnötig, uninteressant oder sonstwas, sonst wären da wohl deutlich mehr Leute auf dem Konzert gewesen (glücklichweise waren die wenigen Anwesenden extrem lautstark), trotzdem die fast ausnahmslos positiven bis euphorischen Kritiken da anderes hätten vermuten lassen. Eigenwillig, ,extrem' und in diesem Sinne sich auch sehr ähnlich sind beide Stimmen. Gerade live zeigt sich aber, dass der eine nicht nur mehr Stimmvolumen besitzt, sondern auch jeden Ton trifft, was Antony nicht gerade immer gelingt (aber auch im Studio, gerade bei Nessun Dorma für diese Werbung fällt es schon schwer, das noch als eigene Interpretation aufzufassen), und dabei aber auch für meine Ohren mehr Ausdruck hat. Ich mag Antonys Stimme durchaus, aber gerade das Verzierte, Melismatische in seiner Stimme scheint mir fast kitschiger als die kraftvolle und sehr genau mit den Tönen umgehende Stimme des Irrepresibles-Sänger. Und da ich deren Musik auch spannender finde, hätte ich es halt schön gefunden, wenn sich doch ein paar mehr Leute dort ,hinverirrt' hätten. Live bemühen sich die Irrepressibles zudem um eine relativ artifizielle Choreographie, während Antony sich irgendwo hinstellt, hinsetzt und dabei ganz innerlich ist, was dann irgendwie auch schon wieder an Herrn Potts gemahnt.
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