Xiu Xiu - Dear God, I hate myself

Xiu Xiu- Dear God, I hate myself

Kill Rock Stars / Cargo
VÖ: 26.03.2010

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Blut und Schokolade

Jamie Stewart war schon immer ein Fall für sich. Meist jedenfalls schwankte der Hörer angesichts seines Schaffens bedenklich zwischen Ratlosigkeit und Begeisterung und schoss manch hilflose Beschreibungsebene ins Kraut. Kollege Gerhardt schlug gar schon einmal den Begriff "Xiu-Xiu-Musik" vor, da "schräg, düster und irgendwie Indie" höchstens unzureichend weiterhilft. Doch wo Weicheier wie She Wants Revenge bloß eine Rasierklinge im CD-Tray deponieren, fährt Stewart auch inhaltlich ganz andere Geschütze auf. Lässt sich auf seinem Myspace-Profilbild auf Knien mit Blut vollspucken und mampft im von YouTube schleunigst entsorgten Videoclip fröhlich eine Tafel Schokolade, während sich Mitmusikerin Angela Seo neben ihm so lange die Finger in den Hals steckt, bis sämtliche Körpersäfte fließen.

Wäre das musikalische Pendant nur halb so drastisch wie diese Visuals, man würde vermutlich Jahre brauchen, um es herunterzuschlucken und anschließend wieder hervorzuwürgen. Aber ach: Stewart - ein Fall für sich, wie man weiß - hat das Steuer natürlich mal wieder herumgerissen. Das tonnenschwere "Gray death" erweist sich nach kurzer Eingewöhnungszeit nämlich als wunderbar rasanter Opener. Weit nach vorne gemischte Akustikgitarren pflastern im Sauseschritt den Weg zum Friedhof, Streicher und Keyboards schluchzen um die Wette und haben doch keine Chance gegen das todtraurig heulende Organ. Und wenn das Ganze nach dem ersten Refrain mit brutalem Fuzz überbraten wird, hat "Dear God, I hate myself" im Grunde schon gewonnen. Denn wer aus der eigenen Untröstlichkeit einen solch hysterischen Hit destilliert, kann einem eigentlich nichts Böses tun. Höchstens sich selbst.

Anschließend hat Stewart einen von knurrenden Electronics und allerlei Geklöppel getriebenen, trügerischen Trostbolzen parat, der ernährungspsychologische Weisheiten bestätigt. "Chocolate makes you happy" - egal, ob sich nebenan jemand die Seele aus dem Leib reihert. Der Titelsong flirtet lebensmüde mit betrübter Selbsterkenntnis und bitterem Grinsen und stellt gleich zu Anfang klar: "I'll always be nicer to the cat than I am to you". Die folgende Flucht nach vorn führt dann über eine Ohrwurmmelodie und fatalistisch jubelnde Backgroundchöre in ein schwarzlichtdurchflutetes Phil-Spector-Universum, in dem die Sonne nicht nur nicht mehr scheinen wird, sondern das noch nie getan hat. Selbstzerstörung als Katharsis - gruselige Geschichte.

Man kann fast dankbar sein, dass "Dear God, I hate myself" diese Linie nicht konsequent durchzieht - bei einer vollen Breitseite solch geschundener Emotionalität würde früher oder später vermutlich jedem Hörer das laue Herz zerspringen. Zum Glück sorgt Stewart immer wieder für Auflockerung: ein stoischer Post-Punk-Basslauf hier, die hübsche Hüttenfolk-Miniatur "Cumberland gap" dort, und in "The Fabrizio Palumbo retaliation" behauptet sich eine fidele Klavierfigur gar gegen einen nach allen Regeln der Kunst zerlegten Dudelsack. Ob dem Besungenen wohl bewusst ist, dass sein Name das fiktive Land beleiht, in dem ausgerechnet das Marsupilami wohnt? Ob Stewart folglich doch von einem außerordentlich grimmigen Humor beseelt ist? Und wie hat er es eigentlich geschafft, in der recht knappen Spielzeit diesen ganzen Wahnsinn unter einen Hut zu bringen? Egal. Dem Unglücklichen schlägt keine Stunde.

(Thomas Pilgrim)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Gray death
  • Chocolate makes you happy
  • Dear God, I hate myself
  • The Fabrizio Palumbo retaliation

Tracklist

  1. Gray death
  2. Chocolate makes you happy
  3. Apple for a brain
  4. House sparrow
  5. Hyunhye's theme
  6. Dear God, I hate myself
  7. Secret motel
  8. Falkland Rd.
  9. The Fabrizio Palumbo retaliation
  10. Cumberland gap
  11. This too shall pass away (For Freddy)
  12. Impossible feeling

Gesamtspielzeit: 37:02 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Gucki
2011-10-07 08:07:36 Uhr
find ich klasse.nur der gesang nervt schnell,aber das will der wohl so.
instrumental noch nene tick besser.
LG
2011-10-07 01:31:42 Uhr
Fabulous Muscles 08/10
The Air Force 07/10
Women As Lovers 09/10
Dear God, I Hate Myself 08/10
Hanskartoffel
2011-06-02 17:07:50 Uhr
Bin gerade eben auch über gray death und dear god i hate myself gestolpert und bin doch ziemlich begeistert! hab mich mal so durchgeklickt und bin noch auf i luv the valley gestossen... ebenfalls ne starke nummer! hab bislang nichts von dem wehrten herrn gehört aber scheint ja recht abewechslungsreich, sperrig... eben interessant zu sein was er so macht. neuentdeckung des tages!
Platte Drei
2010-05-23 14:04:31 Uhr
Bericht vom Konzert in Berlin gestern
Michael
2010-04-27 03:28:24 Uhr
Daumen hoch für "Dear God, I hate myself" und "Gray Death" - was für wunder-, wunder-, wunderschöne Songs !
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Threads im Plattentests.de-Forum