So Many Dynamos - The loud wars

So Many Dynamos- The loud wars

Varrant / Hassle / Soulfood
VÖ: 26.03.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die Goldgräber

Es hätte durchaus Grund gegeben für ein Doppelfeature auf Plattentests.de. [Interessierte lesen bitte hier weiter]. Wo jedoch das Six-Gallery-Debüt "Breakthroughs in modern art" seinen Mathrock mit den Mittel des Emorock verfeinert, verpoppt und verkracht, da gehen So Many Dynamos aus Illinois mit ihrem Drittwerk zugleich ein paar Felder zurück und voraus. Zurück in selige Postcore-Zeiten, als Bands wie Shudder To Think und The Dismemberment Plan die Kraftmeiereien aus ihrer Musik verbannten, um ein Mehr an Intensität zuzulassen. Zurück auch zum Disco-Punk, wo sich Q And Not U und Radio 4 ihre grundverschiedenen Ansätze um die Ohren hauen. Beim Voraus stellt sich indes die Frage, ob So Many Dynamos aus der Kombination dieser Teile wirklich zu einem eigenen Ausdruck gelangen. Mehr haben sie im Inneren nämlich nicht anzubieten. Das kann indes genau deshalb derart harsch gesagt werden, weil bei der Güte von "The loud wars" derartige Fragen eigentlich keine Rolle spielen.

Zumal es So Many Dynamos mit dem munteren Referenzieren gar noch eine Spur ernster meinen: In einem wahren Informationsoverkill geben sie zu jedem Song preis, welches Riff, welche Textzeile, welchen Beat sie vorrangig bei sich selbst geklaut haben. Das ist schon recht kokett und wird durch Aaron Stovalls Lyrics, die sich primär um die Irrungen und Wirrungen des Musikmachens drehen, noch zusätzlich befeuert. "The record doesn't lie / So what friend could the record be?", wird er auf Albumlänge nicht müde zu fragen. Und schießt auch sonst all die Selbstbezüglichkeiten als metaphorisches Vokabular auf die Welt da draußen. Das betrifft den Dischord-typischen "State of the Union"-Report: "We tried to warn them / But they never listen / We tried to sing / But the melody drifts / And these birds in our mouths are the gifts they don't understand." Aber auch die holde Zwischenmenschlichkeit: "Ten beats per minute / Now we're out of tune / Came down too soon / Go on, tell me, was it good for you?"

Dass es So Many Dynamos mittlerweile geschafft haben, ihre beiden Gitarristen verlustfrei auszutauschen, ist bei einem derart gitarrendominierten Genre wie Mathrock eine weitere Merkwürdigkeit. Die wird jedoch bald aufgeklärt, wenn Keyboards, Beats und Bässe eine mindestens ebenso zerschossene und doch kickende Rolle einnehmen. Die Gitarren setzen sich zwar prominent dazwischen und ziehen teils wahre Prog- und Metal-Theater auf, letztlich geben sie aber auch nur die Krachmacher: Intensitätsbeschleuniger und -verdichter, die zwar unverzichtbar, aber eben nicht überlebenswichtig sind. Nur so kann dann "New bones" auf seinem artifiziellen Disco-Beat beharren, während "Oh, the devastation!" und "Friendarmy" echte Kopfnickerpassagen, funky Grooves, bündig aufgehende Refrains und erhebende Gangshouts zu einem sirrenden Spannungsfeld zusammenschmieden.

Einen Gutteil seiner Energie schöpft "The loud wars" in der Tat aus musikalischen Ansätzen der 90er Jahre. Doch die Platte holt sie eben auch aus einer Versenkung und Nichtbeachtung, die schon damals einen kleinen Skandal wert gewesen wäre. Und strickt sie in Songs, die von vorne bis hinten Spaß machen, vor Spielwillen sprühen - und zudem gänzlich ohne musikgewordene Posen auskommen. Das Holzfällerhemd bleibt ebenso im Schrank wie die Skater-Chino, der Pottschnitt, der Glitzeranzug, die fettigen Koteletten, die Röhrenjeans, die Straight-Edge-Mütze oder der Nietengürtel. Dass die 90er zurück sind, das ist wie bei keinem Jahrzehnt zuvor mehr als egal. Denn in all seiner grungigen, technoiden und postrockenden Großspurigkeit produzierte dieses Jahrzehnt einen divergenten Underground, aus dem sich ebenso schamlos wie gewinnbringend schöpfen lässt. Man muss nur hinhören. Und seit "The loud wars" wahrlich nicht mehr nur bei den Originalen.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Artifacts of sound
  • New bones
  • Oh, the devastation!
  • Friendarmy

Tracklist

  1. Artifacts of sound
  2. Glaciers
  3. The novelty of haunting
  4. New bones
  5. If you didn't want to know
  6. Oh, the devastation!
  7. Keep it simple
  8. Friendarmy
  9. It's gonna rain
  10. The formula

Gesamtspielzeit: 40:05 min.

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2010-04-03 00:03:19 Uhr
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2009-09-26 19:29:52 Uhr
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bee
2009-09-26 17:02:48 Uhr
fetter Gitarren-Indierock mit deutlichen Mathrock-Einflüssen aus St. Louis - sounds ala Les Savy Fav oder The Dismemberment Plan - suprise!
ear: http://www.myspace.com/somanydynamos
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