Tomahawk - Tomahawk

Tomahawk- Tomahawk

Ipecac / EFA
VÖ: 22.10.2001

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

American Psycho

Extreme Stimmungsschwankungen, Angstzustände, überborderndes Temperament mit Neigung zur Aggressivität, chronischer Veränderungswille und krankhafter Arbeitseifer. Das Krankenblatt von Mike Patton würde ausreichen, um einen lebenslangen Aufenthalt zwischen Gummiwänden nebst Gratisnahrung aus Schnabelbechern und Pflegersupport rund um die Uhr zu garantieren. Doch statt umgekehrt anliegender Jacken gibt es Standing Ovations für den Mann, dessen Stimme Faith No More zu einer der wichtigsten Rockbands überhaupt machte und der seit deren Zerfall seiner kreativen Ader freien Lauf läßt. Von Nebenprojekt zu Nebenprojekt werden neue Höchststände des Wahnsinns markiert. Gleichgesinnte scharen sich rudelweise um ihn, wobei er nur jene zu seinen Mitstreitern erwählt, die neben perfekter Instrumentenbeherrschung bereit sind, mit sämtlichen Konventionen zu brechen. Im Fall Tomahawk sind dies Duane Denison (Ex-Jesus Lizard), John Stanier (Ex-Helmet) und Kevin Rutmanis (Ex-Melvins).

Die Musik gleicht paranoidem Verfolgungswahn. Ein 13 Songs währender Horrorthriller, der vor dunklen Ecken, abruptem Trommelfeuer, erschöptem Luftholen und atemlosen Fluchtversuchen nur so strotzt. Eine Achterbahnfahrt durch die Schwärze der Seele, bei der sich jeder Halt als trügerisch erweist und ruhige Momente die Umgebung nur noch bedrohlicher erscheinen lassen. Mike Pattons Stimme nimmt Besitz von jeder Faser des Körpers; das pausenlose Auf und Ab fordert das Letzte an Durchhaltevermögen. Die Eruption nackter Aggression reißt die Dämme der Realität schließlich endgültig nieder und hinterläßt ein düsteres Brandmal tief im Innersten. Nichts für Leute mit schwachen Nerven, aber auch trainierte Jäger maskierter Superschurken brauchen am Ende des Kriegspfads eine Monatsration Baldrian.

Das Kriegsbeil entpuppt sich als Bastard aus Blues und Rock, der sich gegen alle Spielregeln des Massengeschmacks zur Wehr setzt und die Nackenhaare zum Stachelpanzer mutieren läßt. Und trotzdem: Im direkten Vergleich mit Fantômas und Mr. Bungle ist ein Zugewinn an Verträglichkeit zu vermelden. In besonders lichten Momenten läßt sich sogar musikalisch die Nähe zu den späten Faith No More erahnen. Was aber fehlt zum ultimativen Trip? Zum perfekten Disneyland der Vorhölle?

Anders als bei seinen anderen Projekten führt Mike Patton bei Tomahawk nicht die Regie beim Songwriting, sondern überließ diese Aufgabe Duane Denison - rückblickend ein Fehler. Denn obwohl dieser es durchaus versteht, den Songs Höhen und Tiefen zu verleihen, leiden diese an einer gewissen Vorhersehbarkeit. Genial wird es lediglich dann, wenn Patton wie in "Sweet smell of success" oder "Laredo" zwischen Pathos und Power schwankt, doch zu oft erweist sich der Tanz zwischen Genie und Wahnsinn als Routineübung statt als Balanceakt. Feinschliff statt Voranpreschen, Konsolidierung statt Aufbruchstimmung. Zu wenig, um die Premierenfeier für das allseits erwartete neue Kapitel der Musikgeschichte zu feiern, aber immerhin genug, um bei Freunden gepflegten Gruselns Nacht für Nacht für Alpträume zu sorgen.

(Thorsten Thiel)

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Highlights

  • Point & Click
  • Sweet smell of succes
  • Laredo

Tracklist

  1. Flashback
  2. 101 North
  3. Point & click
  4. God hates a coward
  5. Pop1
  6. Sweet smell of success
  7. Sir, yes sir
  8. Jockstrap
  9. Cul de sac
  10. Malocchio
  11. Honeymoon
  12. Laredo
  13. Narcosis

Gesamtspielzeit: 42:19 min.

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