Bratze - Korrektur nach unten

Bratze- Korrektur nach unten

Audiolith / Broken Silence
VÖ: 19.03.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Tanz den Ruin

Ein kluger Mann sagte einmal: "Übersetzer sind die Schindmähren der Kultur." Gar nicht oder zu wenig beachtet, schamlos unterbezahlt - aber gebraucht werden sie doch. Das wissen vermutlich auch Norman Kolodziej und Kevin Hamann alias Der Tante Renate beziehungsweise ClickClickDecker und spendieren ihrem zweiten gemeinsamen Album den Untertitel "& die Notwendigkeit einer Übersetzung". Bei Zeilen wie "Uwe, Deine Kinder / Sie haben nichts gelernt / Aus ihren Augen säuft der Teufel / Und Dein Leben eine Lüge" oder "Wo ist der Knopf, um mich abzuschalten / Und kann ich im Himmel den Hund behalten?" ein durchaus angemessener Zusatz.

Alles beim Alten also bei der nettesten Supergroup der norddeutschen Tiefebene. Bock auf Aphorismen und maximale Interpretationsverweigerung zu frenetischem technoidem Wumms - wie man sich das eben so vorstellt, wenn Kolodziejs Maschinengepolter und Hamanns spitzfindige deutschsprachige Songwriterkunst in ein und demselben Betonmischer landen. Der eine heizt mit breitbeinig durchschüttelndem Holzfäller-Electro vor, der andere geht mit verdrehten Metaphern drüber. Passt auf dem Papier zwar nicht auf Anhieb zusammen, wird von Bratze aber passend gemacht.

Und so kämpfen sich die beiden mit bratenden Soundwänden, hineinhechtenden Sample-Gitarren und durchaus eingängigen Popmelodien auf die dialektisch geschulte Tanzfläche. Spätestens wenn dieses Album nach dem gemäßigten Opener "Die auswendigen Muster" mit seinen fein zwischen die Beats gesetzten Gitarrenlicks zum ersten Mal richtig zu röhren anfängt. Die Single "Ohne das ist es nur noch laut" drischt mit "Welcome to the jungle" zunächst eine Rockerphrase, entleibt sie aber gleich darauf mit plattwalzenden Sequenzern, "Ich und die Geister" lässt wildes Trommelfeuer und halsbrecherische Gitarrensalven vom Stapel. Stimmen pitchen sich selbst in den Keller, Basslinien verbrutzeln im Fegefeuer der Laserkaskaden.

Viele Songs entspringen dabei nicht mehr einem trockeneisvernebelten Assoziationsblaster, sondern kreisen um echte Sachverhalte und Probleme. Zu "Menschen im Minus" kann man prima den Dispo krachen lassen und die Finanzkrise mutwillig ignorieren, "Trapez" begibt sich auf einen kickenden Protestmarsch durchs Gängeviertel, und wer eigentlich schon immer seine sämtlichen Facebook-Kontakte löschen wollte, hat nach dem Individualitäts-Plädoyer "Das einfache Fluten" gleich doppelt so viel Lust dazu. Obwohl "Korrektur nach unten" meist von unerfreulichen Realitäten handelt, werden diese von Kolodziej und Hamann aber so unterhaltsam verklausuliert und musikalisch versiert befeuert, dass sie ausnahmsweise begeistern statt nerven. Trotzdem: Ein Übersetzer kann hier sicher nicht schaden. Was heißt Humor noch gleich auf Nordkrisisch?

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Die auswendigen Muster
  • Ich und die Geister
  • Trapez
  • Das einfache Fluten

Tracklist

  1. Die auswendigen Muster
  2. Menschen im Minus
  3. Ohne das ist es nur noch laut
  4. Ich und die Geister
  5. Trapez
  6. Mnchn, schon wieder dunkel
  7. Dazu kann man gut klatschen
  8. Pelikan
  9. Das einfache Fluten
  10. Molfsee

Gesamtspielzeit: 39:32 min.

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