Adolar - Schwörende Seen, ihr Schicksalsjahre!

Adolar- Schwörende Seen, ihr Schicksalsjahre!

Unterm Durchschnitt / Broken Silence
VÖ: 05.03.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die Ampelmännchen

"Archibald, der Weltraumtrotter" war eigentlich der falsche Name für den ungarischen Zeichentrickfilmhelden aus den 1970ern. In der damaligen DDR kannte niemand den Kinder-Astronauten mit dem aufblasbaren Raumschiff unter diesem Namen, den er von der westdeutsche Synchronisation nachträglich verpasst bekommen hatte. Für vier Jungs aus der sachsen-anhaltinischen Altmark war er zeitlebens "Adolar", und es ist keineswegs Zufall, wenn heute auch ihre Band so heißt. Die musikalische Erzählung der alten Geschichte von bittersüßer Adoleszenz entspringt bei dem Quartett aus den eigenen Heimateindrücken: "Ziemlich kuntergrau hier / Um nicht zu sagen trist." Die eigene Biografie vor dem (Ex-)DDR-Panorama zwischen Plattenbau und Jugendclub ist jedoch nicht wirklich Thema, sondern eher Projektionsfläche für kollagierte Gedanken und Gefühle einer mit wohligem Schauer genossenen Teen- und Twenage-Angst.

Artikuliert wird all das zwischen wüstem Postcore/Postpunk und schwelgerischem Indierock à la Captain Planet. Sänger und Bassist Tom Mischok streut seinen deklamierenden Gesang über Versgrenzen hinweg, während sich die Band von eruptivem Ausbruch zu einer Popstrophe und zurück bewegt. Postmodern und postertauglich erscheint das im Chatraum gegründete Quartett, während es textlich mit lose verbundenen Gedankenfetzen die ungestümere Jugendvariante von Tocotronics Feuilleton-Versteckspielen nachstellt. Der Auftakt von "Schwörende Seen, ihr Schicksalsjahre!" (schon der Patchwork-Titel lacht die Bedeutungsfetischisten aus) verweigert dementsprechend zunächst die Einordnung der Band: Auf ein Kirchenorgelmotiv folgt ein doomige Instrumentalpassage folgt eine leise-progressive Erzählung über Liebe und Langeweile folgt ein schreiendes Finale.

Noch besser ist das bereits von der Debüt-EP "Planet Rapidia" bekannte "Mitnehmerrippe": Zu Stakkato-Indie stößt Mischok im Stil der Goldenen Zitronen Brocken alltäglicher Banalitäten hervor, die die Band sich kurzerhand aus SMS von Bekannten und Freunden entliehen hat. Nach der hoffnungsvollen Strophe bricht sich die ätzende Verzweiflung einer ganz normalen Trennung im Gewitter aus Gitarrenlärm und Schlagzeugwirbeln Bahn: "Das mit dem Freunde bleiben ist gar nicht so einfach / Wenn die Gefühle so verschieden sind." Das balladeske "Weltsehen" wiederum macht sich die Auf- und Ausbruchsphantasien der Jugend mit der nötigen Portion Direktheit und Naivität zu eigen: "Ich will die Welt sehen / Bevor das große / Kotzen kommt."

"Schwörende Seen, ihr Schicksalsjahre!" bietet genau die Mischung aus plakativen Slogans und Interpretationsfreiräumen, aus humoriger Kampfeslust und pessimistischer Traurigkeit, die es braucht, um eine junge, suchende Generation zu erreichen. Dabei ist das Album musikalisch anspruchvoll, aber zugänglicher und intuitiver als etwa Tocotronics Diskurs-Rock. Gut möglich, dass es am Ende des Jahres eines der besten deutschsprachigen sein wird - lediglich die zweite Albumhälfte fällt im Vergleich zu phänomenalen Stücken wie der ebenfalls vorab veröffentlichten Single "Mario Kart vs. Kettcar" leicht ab. Und dann sind da doch wieder solche Zeilen: "Jetzt liegst du da / Sektüberströmt." Wer mit so wenigen Worten assoziativ beim Lebensgefühl anklopft, dessen Namen muss man sich merken. Deutschlandweit.

(Dennis Drögemüller)

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Highlights

  • In Deiner Wohnung
  • Mitnehmerrippe
  • Busfahrplan o.D.

Tracklist

  1. In Deiner Wohnung
  2. Kitt
  3. Mitnehmerrippe
  4. Weltsehen
  5. Chaise absurde
  6. Busfahrplan o.D.
  7. Magdeburg
  8. Ich bin slide
  9. Sample au-pair
  10. Tag am Teich

Gesamtspielzeit: 36:25 min.

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User Beitrag
dodimwfz
2011-09-29 20:02:18 Uhr
mEVhWS ltedlfbcqayz
Rosie
2011-09-29 03:16:01 Uhr
Alright arlghit alright that's exactly what I needed!
shomo
2011-08-28 13:05:36 Uhr
allerdings: falls der song repräsentativ für das album ist, dann geht die bekloppte visions-beschreibung hart weit dran vorbei. umso besser.
Jon
2011-08-28 12:00:57 Uhr
Was n'Brett!
http://www.visions.de/news/14870/Adolar-Sehen-alle-so-gut-aus
shomo
2011-08-27 12:34:34 Uhr
neue single tanzenkotzen geht gut ab
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