Joanna Newsom - Have one on me

Joanna Newsom- Have one on me

Drag City / Rough Trade
VÖ: 26.02.2010

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Auf das Leben

Ideen können dumm sein. Wenn jemand wildfremden Füchsen hinterherrennt zum Beispiel. Oder wenn Leute Städte anzünden. Dann gibt es wieder Ideen, die sind sehr clever. Sich in Jahren der totalen Beschleunigung einfach mal Zeit zu nehmen etwa. So hat es Joanna Newsom gemacht. Vor vier Jahren krempelte "Ys" mal eben die gesamte Musiklandschaft um, und kein Stein blieb auf dem anderen. Pure Schönheit spielte sich da in fünf Akten ab. Nun der Nachfolger, an den die Erwartungen kaum höher sein könnten. Wie umtriebig die junge Frau ist, zeigten in der Zwischenzeit diverse Youtube-Clips in grausamer Qualität, Musikvideos und Modezeitungen. Kein Fach, dass sie nicht mal eben mit einem Handschlag beherrschte. Da staut sich in so langer Zeit eben viel an.

Dieser Reichtum an Ideen und Möglichkeiten spiegelt sich natürlich in diesem Moloch wieder, in dieser putzigen Frechheit, der Welt ein Album aus über zwei Stunden Musik vorzusetzen. Und selbstverständlich spielt Natürlichkeit noch eine Rolle, wenn "Have one on me" nicht so endlos entrückt klingen würde. Fast schon schüchtern pirschen sich Stücke wie "Ribbon bows" oder "Kingfisher" an, die im hinteren Teil des Gesamtwerks warten. Zahllose weiße Kaninchen warten nur darauf, dass sie verfolgt werden, um in ihren Bau zu locken. Alles ist märchenhaft und sprengt doch gleichzeitig durch seine Intensität und Wucht jede Erzählkonvention. Ein Epos, der einzigartig ist in seiner Komposition. Der keinen Anfang kennt und ein Ende nicht akzeptieren wird.

"Good intentions paving company" knödelt mit Newsoms Stimme, die sich im Vergleich zu den Vorgängern angenehm zurückhält. Ein schweres Klavier windet sich und beruhigt die Wogen. Zum Schluss schickt sich eine Trompete an, jegliche Spannungen in Wohlklang aufzulösen und sicher zu erden. Der Wald und die Heine von "Ys" sind passé, die Kammern von "The milk-eyed mender" längst niedergerissen. Kategorien fassen hier nichts mehr. "Have one on me" ist direkt im Innern verortet, schallt von jedem Hügel und klingt in jedem Luftzug dieser Welt. Schon der Opener "Easy" legt die Harfe zur Seite und entfaltet sich mit süßer Trägheit vor einem Streicherbett. Ab dort wird der Bogen mehr und mehr gespannt, die Konturen schärfen sich und mit feinem Strich wird in der Skizze gemalt.

Es bleibt kaum aus, dass zwei Stunden Musik viel Aufmerksamkeit und Konzentration fordern. Aber es ist eine zärtliche Anstrengung, die dem Hörer abverlangt wird. Stille ist ein Teil der Komposition, die jeder selbst einsetzen kann. Wenige Minuten, und es fordert wieder den Einsatz von Instrumenten und Stimme. Das liebliche Spiel von "Baby birch", das den Hörer kurz in die Leere entlässt, damit er den nächsten Schritt gehen kann. Überraschen kann dieses Album nicht. Wenn die Trompeten sich langsam unterschieben, wenn eine E-Gitarre kurz aufscheint. Es ist Perfektion in Harmonie und Arrangement. Die Stimme lässt sich tragen und fließt in die Songs mit ein und sträubt sich nicht dagegen wie noch auf früheren Stücken.

Es ist kein Wille, kein Zwang, sondern es ist die bloße Vorstellungskraft, die in jedem Klang mitschwingt, die einzelne Melodien anschwillen lässt und aus Tönen Harmonie und Wärme macht. Intuition lenkt alles. Wenn sich Stücke wie "Go long" langsam dahintreiben lassen in ihrem eigenen Fluss, verästeln sich Ideen immer feiner, die sich an diesen uralten Baum halten, der jeder Witterung trotzt in den Städten und in den Wiesen. Jahreszeiten kommen und gehen. "Have one on me" wird auf allen drei Scheiben seinem Format gerecht, nimmt sich an keiner Stelle eine Pause, sondern steigert Intensitäten wieder in pure Klarheit und Katharsis. Kurzarmige Flöten, stotternde Trompeten und beleidigte E-Gitarren finden ihren Platz und spülen jede Burgfräulein-Romantik fort. Überhaupt ist "Have one on me" nicht romantisch, denn solche Wege braucht es nicht. Schönheit, in ihrer hellsten Verletztlichkeit, in ihrer süßesten Bockigkeit, trampelt in den Laubhaufen im Herbst, läuft über grünes Gras im Sommer, tanzt im Frühling und wirft sich im Winter in den Schnee. Zeit vergeht, aber Erinnerungen bleiben. Dies ist eine für ein ganzes Leben.

(Björn Bischoff)

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Highlights

  • Easy
  • Have one on me
  • Baby birch
  • Go long
  • Autumn

Tracklist

  • CD 1
    1. Easy
    2. Have one on me
    3. '81
    4. Good intentions paving company
    5. No provenance
    6. Baby birch
  • CD 2
    1. On a good day
    2. You and me, Bess
    3. In California
    4. Jackrabbits
    5. Go long
    6. Occident
  • CD 3
    1. Soft as chalk
    2. Esme
    3. Autumn
    4. Ribbon bows
    5. Kingfisher
    6. Does not suffice

Gesamtspielzeit: 124:02 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Der Ami im Weinhaus
2012-12-14 16:19:39 Uhr
That's Awesome!
fräger
2012-12-14 14:15:16 Uhr
Besser als Fiona Apples "The idler wheel..."?
Joanna Awesome
2011-12-20 12:17:58 Uhr
großartig, 10/10.
IO/IO
2011-12-20 05:07:11 Uhr
sehr gutes Album
Hab einen auf mir
2011-12-20 00:51:57 Uhr
Die Harfentrullaschlampe bleibt trotzdem Hipster-Mittelmaß-Scheiße, wie sonst auch der ganze Pitchfork-Schrott. Ihr Spacken seid so peinlich verblendete, miese Nerds, die einfach keinen eigenen Horizont besitzen. Hauptsache immer alles aufschnappen, aber eigentlich null Plan von der Materie. Hoffentlich sterbt ihr endlich mal. Und wenn, dann langsam und schmerzvoll!
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