Shearwater - The golden archipelago

Shearwater- The golden archipelago

Matador / Beggars / Indigo
VÖ: 26.02.2010

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die einsame Insel

Es war an der Schwelle zum 20. Jahrhundert, als die Angst zu nagen begann, das neue, technisierte Zeitalter könnte die alte Kultur zermalmen und das Ursprüngliche verschlingen. Getrieben von dieser Vorstellung schuf Arnold Böcklin zu dieser Zeit als Abgesang auf das Natürliche seine berühmteste Gemäldereihe "Die Toteninsel". Darin gleitet eine weiß umhüllte Gestalt in einem schmalen Kahn auf ein Felsgebilde zu. Mehr als nur ein Zufall dürfte es nun sein, wie sehr das Coverfoto von "The golden archipelago" diesem alten Kunstwerk ähnelt. Denn auch Shearwater umkreisen auf ihrem neuen Album den unwiederbringlichen Verlust des Ursprünglichen, die Weltflucht und die Sehnsucht nach Seelenfrieden in der Einsamkeit.

Kaum weniger zufällig ist es, dass die Band des ehemaligen Okkervil-River-Keyboarders Jonathan Meiburg eine knarzende Aufnahme der einstigen Nationalhymne des Bikini-Atolls an den Anfang ihrer neuen Platte stellt, bevor unheilvoll die ersten Akkordwolken des Openers "Meridians" aufziehen. Die dortigen Bewohner mussten 1946 nämlich ihre abgeschiedene Heimat im Pazifik gezwungenermaßen verlassen, da die USA dort Sprengkraft und Wirkung ihrer Atombomben testen wollten.

Um den Kopf von halb durchwachten Nächten in Tourbussen, schwitzigen Clubs und lärmenden Städten freizubekommen, hat sich der studierte Ornithologe Meiburg nun selbst zurückgezogen, um entlegene Flecken der Welt zu bereisen und diese quasi als Erbe Humboldts zu erkunden. Und schlug so sein Zelt an den verschiedensten Orten auf: an den zerklüfteten Stränden der Falkland- und Galápagos-Inseln, auf Feuerland und sogar bei den Aborigines in Australien. Dort hatte er Zeit genug, sich Gedanken darüber zu machen, wie Raubbau an der Natur und hektisches Brausen und Sausen der Städte den Menschen vom Ursprünglichen entfremden.

Deswegen enthält "The golden archipelago" ahnlich wie seine Vorgänger jede Menge düster-schöne Folk-Wildnis und stille Nachtmusiken, die plötzlich von finsteren Poltergeistern aufgerüttelt werden. Etwa den zart zerbeulten Atombomben-Walzer "God made me" oder die ebenfalls im Dreier vorwärts pirschenden "Uniforms". Meiburgs watteweichen Melodien durchsegeln die Stille in der Tiefe des Raumes - umschnurrt von süßen Streichern und überglitzert von Klaviersprenklern. Doch zersplittert sie unter der Wucht plötzlich hereinbrechender E-Gitarren-Walzen. Geigen schwirren dissonant wie Heuschreckenschwärme durcheinander. Blech bläst zum Angriff, vorwärts gepeitscht von Donnergott Thor Harris.

Doch gerade an seinem Spiel zeigt sich, dass sich etwas geändert hat im Staate Shearwater. Weit gelenkiger und filigraner als zuvor schnitzt er seine Grooves. Jagt die Band mit Marschwirbeln wie gehetzte Hunde durch die Gefängnisinsel-Vision "Corridors", umflicht das drängende Stampfen von "Black eyes" mit feinen Schnörkeln, zimmert ein verschachteltes Bett für das stille "Landscape at speed" und treibt das zauberschöne "Castaways" mit Tom-Kaskaden zur Blüte.

Und auch sonst sind die Arrangements ausgefeilter und vielschichtiger als zuvor. Meiburg und seine Musiker drehen dezent an Stellschrauben, verfeinern die theatralische Laut-Leise-Wucht von "Rook", überschminken das Ruppige von "Palo santo" und tupfen auch Eindrücke der Weltreise ins Klangbild, wenn hinter gedankenverlorenen Lagerfeuergitarren und schwebenden Soundflächen Asiatisches, Marimba-Schleifen oder Steel-Drums hervorlugen. Und die Einsamkeitsvisionen dieser musikalischen Weltflucht sind auf "The golden archipelago" zu bezwingend grandiosen Songs geronnen. Ein Album, das einen Platz in dem Koffer verdient hätte, den man auf eine einsame Insel mitnimmt.

(Ole Cordsen)

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Highlights

  • Black eyes
  • God made me
  • Castaways
  • Uniforms
  • Missing islands

Tracklist

  1. Meridian
  2. Black eyes
  3. Landscape at speed
  4. Hidden lakes
  5. Corridors
  6. God made me
  7. Runners of the sun
  8. Castaways
  9. An insular life
  10. Uniforms
  11. Missing islands

Gesamtspielzeit: 38:16 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Arome
2010-11-05 20:36:51 Uhr
"The Golden Archipelago" ist sicher eines der Alben, bei dem die Abfolge der Titel in sich weitestgehend stimmig ist und auch einen gewissen Spannungsbogen zeichnet, ja.
Fever Haze
2010-11-05 19:30:31 Uhr
Vielleicht ist "Übergang" etwas fehlverwendet. Ich wollte eher sagen, dass die Songs in ihrer Reihenfolge ideal passen. Verständlicher?
Arome
2010-11-04 20:35:35 Uhr
@Fever Haze: Meinst du vielleicht einen Übergang zwischen zwei anderen Liedern? Bei mir hört "Black Eyes" einfach nur auf und "Landscapes at Speed" fängt an (CD-Version). :-)
Kubin
2010-11-02 08:13:29 Uhr
Für mich das beste Album 2010!
Fever Haze
2010-11-01 21:26:00 Uhr
Wie geil ist denn mal bitte der Übergang von "Black Eyes" zu "Landscapes At Speed"?! Ein wahnsinniges Album. Diese Stimme, diese Landschaften von Musik.
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