Kammerflimmer Kollektief - Wildling

Kammerflimmer Kollektief- Wildling

Staubgold / Indigo
VÖ: 05.03.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Rede und (keine) Antwort

Manch einer reist, um anzukommen. Manch anderer reist, um fortzukommen. Und wieder andere wollen einfach nur in Bewegung bleiben. "Wildling" impliziert ja schon das Wilde, das Unbändige, Ungehaltene. Die hektische, unkontrollierte Dynamik passt aber so gar nicht zum Kammerflimmer Kollektief, das ganz andere Sphären beackert, in denen Dauer kaum eine Rolle spielt. Das Öffnen der Räume ist der Schlüssel. Dabei geht die Band diesmal wesentlich organischer vor als auf dem Vorgänger "Jinx", der irgendwo ganz weit draußen war mit seinem Mantragesang und der introviertierten Atmosphäre. Nach dem Zwischenspiel mit Dietmar Dath, bei dem sie dessen EndzeitunddochwiedernichtSciFiBiologie-Roman "Die Abschaffung der Arten" musikalisch untermalten, ist das Kammerflimmer Kollektief wieder ohne Schriftsteller ins Studio gegangen.

Diesmal sind die Dinge greifbarer. Das Zirpen der Rhythmik ist nicht mehr enthoben, sondern pulsiert wie in "Cry tuff". Worte schälen sich langsam aus dem Gesang, bevor der kurze Einsturz kommt. Die einzelnen Instrumente lehnen sich nicht unterkühlt aneinander, sondern kreisen um sich selbst, suchen eine Umlaufbahn, eine Regel oder ein System, in dem sie auskommen können. "Get higher" ist die einzige Richtung, die noch eine Bedeutung haben könnten, denn sonst sind alle Wege und Pfade zu beackern. Die Melodien fließen ineinander und tröpfeln langsam in die Gehörgänge, um sich dort intensiv festzukrallen. So gräbt sich "In transition (Version)" beständig in den Äther und lässt sich nicht unterkriegen. Bilder werden gemalt. Anleihen von Ambient, verspulte Jazzausflüge und ein elektronisches Denken bieten ein Gerüst, das Startrampe, Weg und Ziel gleichermaßen ist.

Eine unterkühlte Atmosphäre durchzieht die Scheibe, die nur an manchen Stellen aufgebrochen wird, um so etwas wie Gefühl einfließen zu lassen, dann, wenn kurze Zeit die hellen Töne und Klänge aus dem Zusammenspiel ausbrechen. Diese Möglichkeit gibt es oft, denn das rhythmische Schreiten von "Wildling" will kein Ziel kennen. Immer dann, wenn der Trick entlarvt scheint, kommt ein neues, weißes Kaninchen hervor, eine Idee, die noch zur Variation reicht. Schwer legen sich die Gitarrenakkorde in die Perkussion von "We paint the town beige", im Hintergrund stolpern ab und zu ein Piano und ein paar Schellen. Der inszenierte Einklang ist eben auch dann nur ein Schauspiel und eine Maskerade. Es ist ein Finden, weil es nicht anders vorgesehen ist. Die innere Dringlichkeit von Stücken wie "Spookin' the horse" verlangt dieses Maskenspiel als logische Konsequenz aus dem Abtasten der Sphären. Und dabei wäre es fast ein Stück, bei dem das Wort "Pop" gedacht werden könnte - durchaus im Sinne von Eingängigkeit, aber in dieser Welt sind Namen ohnehin Schall und Rauch.

Zum ersten Mal manifestiert sich Sprache im Sinn von Bedeutung beim Kammerflimmer Kollektief. Unterschiedliche Fetzen tänzeln um die aufblitzende Glut im Inneren. Rede und Antwort ist vorhanden, aber bedeutungsleer. Bilder und Assoziationen ergeben sich und scheinen kurz auf. Der Klang des Wortes überschlägt sich zum Schluss wieder selbst. "Wildling" ist die Suche nach einem Ort außerhalb jedes bisher bekannten Verständnisses. Trotz der psycheadelischen Abfahrt ist aber alles geerdet. Es ist immer noch diese Welt, die es zu begreifen und zu verstehen gilt. Alle Räume werden gezeichnet, alle Wege abgesteckt. Bewegung um der Bewegung Willen. Bleibt nur noch die Frage: Sind wir bald da?

(Björn Bischoff)

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Highlights

  • Spookin' the horse
  • Rotwelsch
  • Milte hi ankhen (AKA Bird in the hand)

Tracklist

  1. Move right in
  2. Silver chords
  3. Aum a go-go
  4. In transition (Version)
  5. Spookin' the horse
  6. Blind
  7. Rotwelsch
  8. Time is the fire in which we burn
  9. Cry tuff
  10. We paint the town beige
  11. There's a crack in everything
  12. Milte hi ankhen (AKA Bird in the hand)

Gesamtspielzeit: 53:50 min.

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