Jack Rose - Luck in the valley

Jack Rose- Luck in the valley

Thrill Jockey / Rough Trade
VÖ: 19.02.2010

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Erloschen

Am 5. Dezember 2009 verstarb Jack Rose im Alter von 38 Jahren in seiner Heimatstadt Philadelphia. Drei Wochen zuvor sah ihn der Rezensent dieses Textes noch in Krefeld auf der Bühne sitzen. Sich in dem übend, was er am besten konnte: Gitarre spielen. 6- und 12-string guitar. Solo. Das Kinn auf sein Instrument gelegt, verschmolz er mit Klängen, die im flinken Fingerpicking-Stil den kleinen Raum ausfüllten. Ein unbändiger, tiefgehender, spiritueller, enigmatischer, leidenschaftlicher Rausch, der nachträglich für weiche Knie sorgte und die Frage zurückließ, ob man denn tatsächlich Zeuge dieser Sogwirkung gewesen ist? Weniger als zwanzig Personen wollten Rose an diesem Abend Gehör schenken. Ein Abend also, der kaum Gelegenheit bot, sich diese Fragen beantworten zu lassen. Unvergesslich bleibt er trotzdem.

Genauso unvergesslich wird Rose selbst bleiben, der wohl wichtigste Musiker des vergangenen Jahrzehnts im Bereich des American Primitivism. Eine Richtung, basierend auf dem Country Blues und der String Band Music der 20er und 30er Jahre, verwoben mit Ragas, Ragtime und avantgardistischem Folk, die Roses geistiger Vater John Fahey und dessen Labelkollegen Robbie Basho, Peter Lang und Peter Walker begründeten. Diesem minimalistischen, ja ungelernten Stil folgend und neue Akzente einbringend, blüht seit einigen vielen Jahren eine ganze neue Szene auf. Und wie so oft haben es die Ausläufer erst viel zu spät auf offiziellem Wege nach Deutschland geschafft. Genauer gesagt erst jetzt, mit der Veröffentlichung von "Luck in the valley".

Roses achtes Album erscheint auf den ersten Blick wie ein Konglomerat all dessen, was er in den letzten Jahren veröffentlicht hat. Vor allem die jüngst verstärkte Hinwendung zu Ragtime, Roots und Rhythm von "Dr. Ragtime & pals" und "Jack Rose & The Black Twig Pickers" wird auf "Luck in the valley" überdeutlich aufgegriffen. Was in erster Linie bedeutet, dass er sein letztes Album nicht solo eingespielt hat, sondern wieder Unterstützung durch die grandiosen Black Twig Pickers erfährt. Das zeigt sich auch gleich überdeutlich in "Lick mountain ramble", in dem eine beschwingte Fiddle das melancholisch-zurückhaltende Fingerpicking von Roses Gitarre zur inneren und äußeren Beweglichkeit anhält. Rose, der gerne ausufernd und bis zur hörbaren Ekstase gespielt hat, folgt hier seinem persönlichen Trend der letzten Jahre und stoppt den fast schon tanzbaren Country-Blues nach wenigen Minuten.

Selten gehört in Roses Schaffen sind zwei Saiteninstrumente in einem Stück, um die tiefgreifende Dominanz von Roses Gitarre und die für den Hörer resultierende Katharsis nicht im Keim zu ersticken. Um so erstaunlicher erscheint dann das Zusammenwirken mit einem Banjo im schwarzverhangenen "Moon in the gutter". Besonders dann, wenn beide nur Millimeter aneinander vorbei laufen, sich in Ton und Melodie subtil voneinander abheben wollen, möchte man vor Freude über diese Punktgenauigkeit in die Boxen springen. Zu Herzen gehend ist auch der Titeltrack, der in seiner Kürze die Essenz des American Primitivism, mit seinen hintergründig-feinfühligen Transformationen, vereint. Neben all diesen Schönheiten zeigt sich die wahre Größe von Jack Rose aber vor allem auch dann, wenn er sich mit den Grundstrukturen klassischer indischer Musik kurzschließt: dem Raga.

Jede einzelne Saite der 12-saitigen Gitarre wird in "Tree in the valley" von oben nach unten mit schnellen Hieben angeschlagen. Ein Schnaufen aus dem Hintergrund offenbart, dass der Musiker ebenfalls anwesend ist und dass das Kommende Mühe kosten wird. Weniger die Mühe, die aufgebracht wird, um die Gitarre zu bedienen, sondern jene, die aus der Hingabe erwächst und dem Hörer in den nächsten Minuten offenbar wird. Aus dem Wall an akustischen Schlägen bildet sich ein rhythmisch klar abgestecktes Fingerpicking in Moll. Übergänge sind nicht wahrnehmbar. Über Minuten hält sich die rhythmische Vorgabe, wird dann aber langsamer, dann schneller, noch schneller und verändert sich grundlegend - mehrmals. Ein brodelndes, dunkles, schwer zu stoppendes Feuer. Ein Feuer, das am 5. Dezember für immer erlosch. Was dem Hörer bleibt, sind nicht nur die aufgenommenen Tonfolgen, sondern ein Zeugnis von künstlerisch tiefgreifender Spiritualität. R.I.P.

(Markus Wollmann)

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Highlights

  • Blues for Percy Danforth
  • Moon in the gutter
  • Luck in the valley
  • Tree in the valley

Tracklist

  1. Blues for Percy Danforth
  2. Lick mountain ramble
  3. Woodpiles on the side of the road
  4. When tailgate tops, the bullshite tops
  5. Moon in the gutter
  6. Luck in the vallley
  7. Saint Louis blues
  8. Tree in the valley
  9. Everybody ought to pray sometime
  10. West coast blues

Gesamtspielzeit: 37:04 min.

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