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Seabear - We built a fire

Seabear- We built a fire

Morr / Indigo
VÖ: 26.02.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Vier Jahreszeiten

Klischees sind ungemein hilfreich. Weiß man aus Mangel an Informationen nicht weiter, zieht man rasch die Schublade X und greift sich die Scheininfo Y heraus. Mit diesen Denkschemata lässt sich auch im Alltag gemeinhin wunderbar operieren. Gerne Objekte nicht vorurteilsfreier Bewertungen: Länder und die jeweiligen Populationen. Demnach sind die Deutschen: Sauerkrautfresser, überordentliche und stets pünktliche Piefkes, allesvernichtende Nazis und sowieso und überhaupt ist jeder Deutsche ein Bayer. Zu den wohl klischeebeladensten Ländern der Erde zählt auch Island. Der Inselstaat wird gedanklich am laufenden Band mit umhertänzelnden Elfen und Trollen, griesgrämigen Riesen und blubbernden Geysiren verknüpft, sodass das schrullige Image eines fabulösen Märchenlandes wohl auch in den nächsten Jahrzehnten Bestand haben wird. In der Island-Schublade liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Stereotyp der tolkienschen Wunderlandschaft ein weiteres schönes Bild, denn: In dieser verschrobenen Gegend will auch fleißig musiziert werden. Man muss neidlos zugeben, dass für ein Land mit der Einwohnerzahl Mannheims sehr viele überragende Künstler internationaler Größe aus Island stammen. Björk war nur der Anfang, es folgten postrockige und frickelnde Monumentalfreigeister wie Sigur Rós und Múm oder die Post-Hardcore-Caballeros Gavin Portland. Und eben Seabear, die in allem, was sie tun, vor allem eines leisten: Sie repräsentieren Island, wie es leibt und lebt (und wie man sich das als Westeuropäer eben so ausmalt). Und was hat Mannheim? Xavier Naidoo? Eben.

Seabear schicken nun also den Nachfolger zu dem in Genrekreisen verehrten Debüt "The ghost that carried us away" hinaus in die verschneite Welt. Dass das Septett für warme Hände, feuchte Äuglein und pochende Herzen sorgt, sollen bereits die Titel der elf Stücke andeuten - "I’ll build you a fire", "Warm blood" und so. Und doch: Keines dieser Lieder ist ergreifender als das kühl und beinahe körperlos beginnende "Cold summer", das sich schlagartig und wie von einer Beutelratte gebissen aufschwingt, Herzrasen bekommt und an Fahrt gewinnt. Dabei lenken Seabear ihre Seifenkiste stets mit mindestens zwei Wagenrädern in verträumtem Folk, der von Piano und Streichern begleitet wird. Eine schöne, asymptotische Annäherung an klassische Musik, die des öfteren an die Wunderwerke eines Peter Broderick gemahnen. Was Seabear dabei hoch anzurechnen ist: Sie verstehen es, ihren Songs die nötige Dosis Juckpulver in die Schlafhemden zu streuen, sodass ein Stück wie "In winters eyes" nicht unbemerkt am Hörer vorbeihuscht wie eine sommerliche Brise an Augustabenden, sondern doch ein bisschen Sonnenbrand überbleibt. Generell könnte man bei Musik dieser Art mit den Jahreszeitenmetaphern um sich werfen wie Dieter Bohlen mit Beleidigungen. Für jede Stimmung haben Seabear einen Song parat. Und ob man nun dazu mit der Liebsten vor dem Kaminofen sitzt, dem blauen Frühlingsband beim Durch-die-Luft-flattern zuschaut, seine neugewonnenen Sommersprossen zählt oder Kastanienfiguren baut, ist wenig bis gar nicht relevant.

Das Septett besitzt eine Fähigkeit, die manch anderer ähnlicher Band fehlt: Sie erzeugen emotionalen Tiefgang. Zu jedem Zeitpunkt spürt man die Grundtraurigkeit, die im Inneren des Multiinstrumentalisten und Sängers Sindri Már Sigfússon zu wohnen scheint. Nicht ohne Grund wurde dieser vom amerikanischen Rolling Stone bereits mit Beck (man höre "Sea change") verglichen. Mit dem Kopf in der Luft und den Füßen im Morast. Schwelgen, ein schönes Verb. Passt vortrefflich zu dieser Musik, passt vortrefflich zu Island. Manchmal können Klischees eben so wahr sein.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • I'll build you a fire
  • Cold summmer
  • We fell off the roof

Tracklist

  1. Lion face boy
  2. Fire dies down
  3. I'll build you a fire
  4. Cold summer
  5. Wooden teeth
  6. Leafmask
  7. Softship
  8. We fell off the roof
  9. Warm blood
  10. In winters eyes
  11. Wolfboy

Gesamtspielzeit: 46:23 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Gordon Fraser

Postings: 1975

Registriert seit 14.06.2013

2019-11-19 01:08:48 Uhr
Comeback! Neuer Song jedenfalls, vielleicht kommt noch mehr.

Gordon Fraser

Postings: 1975

Registriert seit 14.06.2013

2016-10-09 10:33:46 Uhr
Mal wieder reingehört, immer noch gut. Schade, dass seitdem nix mehr kam.
nk
2011-04-27 15:31:23 Uhr
Cold Summer ist genial.
Heulender Vogel
2010-10-22 21:30:13 Uhr
nicht schlimm, dafür bin ich doch da. :)
aii
2010-10-22 17:28:05 Uhr
ach ja da haben sich dann natürlich meine ohren getäuscht, aber zum glück kann der vogel mal wieder alle subjektiven meinungsunstimmigkeiten ausräumen. mh.
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