Postdata - Postdata

Postdata- Postdata

One Four Seven / Soulfood
VÖ: 05.02.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Intim im Team

Man mag sich das vielleicht so vorstellen: Eine Reise auf verschneiten Straßen, die Wagenheizung klappert undefinierbare Minusgrade ins Cockpit, klamme Gedanken, tiefgefrorene Ohrläppchen. Dann Lichter, die die Auffahrt erhellen und nach Hause führen, eine wärmende Umarmung, der erste Punsch in immer noch zitternden Fingern und darauf: zwei akustische Gitarren, einmal Gurgeln mit Ingwertee, ein Konzert unter dem Weihnachtsbaum - wo die Tränen ohnehin bereits locker sitzen, nach dem ersten Lied entsichert sind und schließlich im Gatling-Modus abgeschossen werden.

Am Anfang steht also das Private. Die Brüder Michael und Paul Murphy (bekannt als Sänger der begnadeten Wintersleep) nahmen die Songs von "Postdata" als Trostspender für ihre Mutter und im Gedenken an die verstorbenen Großeltern auf - abgeleitet aus Fragmenten, die ihnen Grandpa und Grandma in einer Traumreihe vermacht hatten. Das ist natürlich schon eine Rücktrittsversicherung. Wenn die Stimme bei "In chemicals" zwischenzeitlich aufjuchzt wie Michael Jackson beim Eintauchen des großen Zehs ins zu heiße Badewasser - nun, weshalb sollte sie nicht? Wenn's der Frau Mama denn so gefällt. Somit ist die entscheidende Frage sicher jene, ob "Postdata" auch über den privaten Rahmen hinaus etwas zu geben imstande ist. Und die Antwort lautet: Ja, doch, durchaus.

Beispielhaft sind diesbezüglich "Paranoid clusters" und "Traces" in ihrer zunächst dahinschleichenden Art: Wie Postdata sich hier wortwörtlich selbst auf die Spur kommen und aus Folk-Miniaturen mächtig anziehende Finale entwickeln, ohne jemals den Boden unter den Füßen zu verlieren, das sind schon die wenigen Mittel, die das Große ausmachen. Auch "Lazarus" stützt seine deutlich ausgestellte, sehr persönliche Ebene durch ein nüchtern dahintrippendes Korsett. Unterbricht Murphy mit einem in den Telefonhörer gehauchten "Hello?" die trügerische Ruhe, so ist es auch mit dem Song bald darauf vorbei. Das funktioniert - als Ansprache auf vielen Ebenen und mit ebenso vielen Adressaten.

Nicht, dass "Postdata" ein derartiges Erweckungserlebnis nötig hätte, damit sich der Hörer auf all den Privatismus einlässt. Allerdings bleibt das Spiel zwischen den Ebenen in die Kompositionen verstrickt. Die Akkorde, die Anschläge der Akustischen, die spärlich gesäten Banjo-Klänge, die Bewegungen von Murphys Stimmbändern: Stets wird hier der Brückenschlag zur Resonanzschwingung zwischen Öffentlichem und Privatem. Einen Einsturz haben Postdata hingegen zu keiner Zeit zu befürchten.

Vielmehr bietet das Private ihnen den Ansatz, um aus ihrem traditionell gespielten Trauer-Folk etwas sehr Persönliches hervorzuzupfen. Und in eben diesem Persönlichen findet sich dann der Ansatz, um dem Hörer etwas Besonderes vorzulegen. Postdata verwandeln also unaufhörlich: Tradition in Besonderes, Privates in Öffentliches, Schablonen in Stimmungen, Traumfragmente in Songs und Bewegungen in Resonanzen. Nur ihrer eigenen Ansprache scheinen sie nicht so recht zu trauen: "Left you a song on your telephone / Don't call me back 'cause it's terrible." Aber nur die Ruhe. Denn auch hier gilt: Wenn's Mama Murphy gefällt … dann besitzt die werte Dame einen exquisiten Geschmack.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • In chemicals
  • Tracers
  • Paranoid clusters
  • Tobias Grey

Tracklist

  1. Lazarus
  2. In chemicals
  3. Tracers
  4. Paranoid clusters
  5. Eclipse
  6. Tobias Grey
  7. Warning
  8. Drift
  9. The coroner

Gesamtspielzeit: 27:07 min.

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  • Postdata (14 Beiträge / Letzter am 08.06.2019 - 09:40 Uhr)

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