Scout Niblett - The calcination of Scout Niblett

Scout Niblett- The calcination of Scout Niblett

Drag City / Rough Trade
VÖ: 22.01.2010

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Spiegelverzerrt

Da steht sie also. Die eine Hand zum Gruß erhoben, als ob es etwas zu winken gäbe. Die andere Hand ein Feuerstrahl, als ob es etwas zu schweißen gäbe. Und ein Lächeln auf dem Gesicht, das freundlich tut, aber bereits spürt, wie sich im Profil der über die Wangen kriechenden Schatten die Seele verdunkelt. Man ersetze: den Schweißbrenner durch eine Gitarre. Das Lächeln durch ein boshaftes Grinsen. Das Winken durch eine schallende Ohrfeige - und schon ist man angekommen, in der zur Salzsäule erstarrten Welt von Scott Niblett.

Honorierte Niblett den Hörer bisher stets für seine ungeteilte Aufmerksamkeit und kitzelte sie deshalb hervor, so bekommt er nun Peitschenschlag auf Peitschenschlag zur Belohnung. Denn "The calcination of Scout Niblett" zieht in der Tat jegliche flüchtige Substanz aus ihren Songs, macht sie hart wie Stein und demontiert sie daraufhin. In dieser Konsequenz zerquetschten sich zuletzt vielleicht Bohren Und Der Club Of Gore in ihrer eigenen "Geisterfaust". Pressten so lange, bis alles nur noch dicht und substrahiert war, und kaum ein Ton mehr "Piep" zu machen wagte. Selbstverständlich antwortet Niblett dem mit ihren ureigensten Mitteln: die Grunge-Akkorde, das Dröhnen jeder einzelnen Note, die Blues-Skalen - ohnehin schon immer harsch an und für sich herausgestellt, stürzt sich Nibletts Fundament diesmal kopfüber in ein dekonstruktives Dilemma. Da wird sich ebenso häufig eingegroovt wie konsistent gespielt. Das Niblett-Albini-Live-Prinzip gerät zu einer Jam-Session mit dem eigenen, verzerrten Spiegelbild.

So bestehen "Pluto" und die Klimax von "Just do it" letztlich nur aus einem artifiziell übersteuerten Verzerrersound, durch den sich die Akkorde schleppen müssen. Man kann beinahe spüren, wie selbst sie sich dabei die Ohren zuhalten. Niblett will sehen, wie viel von ihnen danach noch übrigbleibt. Was alles von ihnen abgefallen ist auf ihrem Weg durchs Krächz-Nirvana. Auch sonst werden Atmosphäre, Tradition und Dynamik zum Wohle eines ins Minimalste abstrahierten Versuchsaufbaus geopfert. So beweist sich das Schlagzeug mit jedem Schlag die eigene Redundanz, stellt sich gewohnt hart nach draußen, ist aber dennoch nicht mehr als ein taumelndes Artefakt: eine an der eigenen Konsequenz erhängte Geste. Oft genug schwankt es umher wie ein angeschossener Büffel - auf spindeldürren Stelzen, die wie Dornen durch den Bodensatz der Songs stechen, und doch nach wie vor mit den gleichen raumgreifenden Schritten, die aus dem Albini-Sound kraterbreit herabhämmern.

Was bleibt ist der bedingungslose Antagonismus von Sound und Funktion. Fordert die Dampframme grimmig jeden zur Verfügung stehenden Platz, so ist ihre Wirkung in den Songs so folgenlos wie möglich - eine Nadel in einem Heuhaufen, der lediglich aus ein paar drapierten Halmen besteht. Umso mehr wird Nibletts Stimme einerseits zum einzigen Kapitän auf dieser Reise ins Nichts. Andererseits ist sie aber auch eng mit dem Sound-Komplott verbündet. Niblett singt noch schärfer als zuvor direkt auf die wenigen Betonungen, hebt immer wieder in den gleichen Notensprung an, zieht die Vokale ruckartig aus dem Schlamassel, nur um sie im nächsten Moment hart auf den Boden des nächsten kompromisslos abgestoppten Akkords fallenzulassen. Die heraufbrummenden Basstöne und zaghaften Feedbacks von "Ripe with life" sind in diesem Kosmos bereits echte Extravaganzen. Bei "Cherry cheek bomb" ziehen Nibletts Hallelujas mit humpelndem Blues und einem massiven Schlusssatz einen Vampirismus auf, der selbst den vergrätztesten Momenten Shannon Wrights die Halsschlagader durchbeißt. Und "Meet and greet" ist ganz zum Schluss derart reich an Leben, dass man sich für all das bisher Gesagte beinahe schon entschuldigen muss.

Niblett weiß all das selbstverständlich. Mehr noch: Sie legt es darauf an und spielt mit den Erwartungshaltungen. Sie lässt den Hörer bis tief in die Stille hören - dorthin, wo bisher all die kleinen Details umherflüsterten, die ihren Kompositionen hinterrücks Größe verliehen. Diesmal jedoch stürzt der Hörer in eine schwarze Leere. Niblett packt ihn bei den Lauschlappen und schleudert ihn in dieses bodenlose Nichts. Wo es nichts zu sehen oder zu hören gibt, und die einzige Erinnerung die an die eigenen, brutal zerrissenen Erwartungen ist. "I'll cook those monsters out / Because I ain't getting out of here / Until my soul appears", singt sie im Titelsong. Ein Exorzismus, der sich schließlich nur selbst ins Antlitz schaut.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Cherry cheek bomb
  • Ripe with life
  • Meet and greet

Tracklist

  1. Just do it!
  2. The calcination...
  3. I.B.D.
  4. Bargin
  5. Cherry cheek bomb
  6. Kings
  7. Lucy Lucifer
  8. Duke of anxiety
  9. Ripe with life
  10. Strip me Pluto
  11. Meet and greet

Gesamtspielzeit: 51:17 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Arbeiter
2017-04-16 10:33:16 Uhr
Ich liebe dieses Album. Es tut mir immer wieder gut es aufzulegen.
Spice
2010-03-10 09:28:44 Uhr
Pflichte Walenta vollkommen bei. Wunderbares Album und eines der besten bislang in diesem Jahr!
Sissi
2010-03-09 20:23:44 Uhr
Walenta
ich find dich toll
Walenta
2010-03-09 20:08:04 Uhr
Ersteindruck: sehr gut, gefällt mir eventuell sogar besser als der Vorgänger.

Momentane Meinung: unfassbar brillantes Teil, mit Abstand ihr bestes Werk.

Also wenn dieses Album am Ende des Jahres nicht ganz weit oben in meiner persönlichen Chartliste steht, dann muss es schon mit dem Teufel zugehen.
Ich
2010-02-10 13:14:47 Uhr
Ich häz kürzer rezensiert: überflüssiger Müll, Pseudomukke für Depris und Psychos
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