Aufgang - Aufgang

Aufgang- Aufgang

Infiné / Discograph / Al!ve
VÖ: 19.02.2010

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Das Ding unter der Treppe

Vieles ist vorhersehbar. Das Gespenst sitzt im Schrank, der Werwolf liegt unterm Auto, und außerdem ist immer noch allgemein bekannt, was da letzten Sommer vor sich ging. Wirklicher Schrecken offenbart sich an ganz anderen Orten. Etwa in den Klangräumen von Aufgang, die sich so harmlos als Verknüpfung von Clubmusik und Klassik präsentieren wollen. Aber unter der Oberfläche passiert weitaus mehr. Denn aus Nervosität kann schnell Panik werden, und Ruhe ist oft bloß diejenige vor dem Sturm.

Sakral erhebt sich "Channel 7" und sucht seine Klaviere heim. Die Glocke schlägt dreizehn, und die Drums dreschen drauflos. Jeder Schlag sitzt präzise und scheucht die Tasten vor sich her. Spannungsbögen werden wie Kaugummi gezogen und um den Finger gewickelt. Mit jeder Sekunde fassen Aufgang mehr Mut, und das Piano drückt sich immer selbstbewusster in den Vordergrund. Der Teufel wird mit dem Beelzebub ausgetrieben, und so künden die dunklen Synthieklänge in "Channel 8" dann nicht von Erlösung, sondern nur vom nächsten, unausweichlichen Schritt. Spannung ist spätestens hier kein Mittel mehr, sondern der durchgängige Zweck. Zwischen den Tönen bleibt kaum Platz, das Blut gefriert in den Adern, und knochentrocken pocht das verräterische Herz unter der Diele.

Das Kunststück ist, dass Aufgang selbst in den wenigen stillen Momenten dieser Platte noch präsent sind. Strukturen und Melodieführungen nisten sich in der Luft ein und warten nur darauf, mit Macht wieder hervorzuschnellen. Hinter der Tür lauert der Schrecken, und trotzdem muss man sie unweigerlich öffnen. Doch nach den beiden ersten Stücken lichtet sich das Dunkel ein wenig, obwohl das Korsett weiterhin eng bleibt. "Sonar" gibt sich beatlastig und lässt dem Klavier freien Lauf. Der Rhythmus legt sich schwer nieder ins Uhrwerk dieses Stücks, das jede Sekunde auseinanderzufallen droht. Und am Ende holt dann wieder die Schwermut die Dinge mit einem breiten Grinsen von den Beinen. Grollend stellt das Piano den Kamm auf, Beats stapeln sich und blecken die Zähne. Das zentrale Moment ist dabei stets die Spannung, die oft ins Dunkel taucht, dort aber nie verweilt.

Kurz danach kehrt für ein paar Minuten so etwas wie Ruhe ein, während das letzte Kunstblut harmonisch vor sich hintrocknet, doch es schwingt weiter Erregung mit. Ungläubig nimmt man dann "Good generation" zur Kenntnis, das wie ein entspanntes House-Stück harmlos vor sich hin pulsiert. Doch schon im nächsten Moment später wird diese Stimmung wieder entleibt, wenn "3 vitesses" nervös zu zucken beginnt. Im Hintergrund zürnen verzerrte Stimmen, und der Wahnsinn sitzt wieder unterm Bett. Es war doch klar, dass es noch nicht vorbei ist. Denn erst jetzt fangen die Beats an zu flackern und die Welt dreht sich im Rausch. So lauten die Spielregeln.

Emotionen werden gedrückt, geschoben und eingefügt, virtuos verbinden sich sämtliche Eckpunkte. Nichts wird nur gestreift, sondern alles bis zur letzten Konsequenz mitgenommen. "Aufgang" ist ein grinsender Teufel, eine klangvolle Harmonie, eine knisternde Spannung, eine sanfte Wiege und eine donnernde Wucht, in der weit mehr mitschwingt als bloße Klänge. Innovation ist fast ein abfallendes Nebenprodukt des Schaffensprozesses und geschieht nicht um ihrer selbst Willen. Der Puls rast, die Luft flackert, der Druck stampft. Dazu ein paar Fava-Bohnen und einen ausgezeichneten Chianti.

(Björn Bischoff)

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Highlights

  • Channel 7
  • Sonar
  • Good generation

Tracklist

  1. Channel 7
  2. Channel 8
  3. Barock
  4. Sonar
  5. Prelude du passé (in memory of Kevin)
  6. Good generation
  7. 3 Vitesses
  8. Aufgang
  9. Soumission

Gesamtspielzeit: 60:11 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Sleepyheadphone
2010-07-05 22:35:54 Uhr
Ich diese Art Genre toll. So French House mit Klassik drin. Gefällt mir echt gut. Kennt noch jemand vergleichbare Bands? Mir fällt nur noch Something a la Mode ein, die machen das ganze so nach dem Motto Daft Punk mit Streichern ... Auf jeden Fall hörenswerte Musik, auch wenn sie nicht so stimmungsvoll ist wie Aufgang sondern mehr auf den Dancefloor ziehlt (Was die Freude nicht mindert).
koe
2010-02-16 14:51:15 Uhr
Schoenes Album, wird immer besser.
Björn
2010-02-11 16:50:53 Uhr
Och nicht nur dann. :) Ist einfach ein Album, das richtig Freude macht und mit jedem Durchgang neue Details offenbart.
Koe
2010-02-11 13:04:30 Uhr
Hoere grad mal das Album durch, klingt ziemlich interessant.
Wer also klassische Klavierstuecke (a la Chopin oder Bach) mag und auch noch elektronische Musik, sollte vielleicht mal reinhoeren.
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