Field Music - Measure

Field Music- Measure

Memphis Industries / PIAS / Rough Trade
VÖ: 12.02.2010

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Brüder im Geiste

"Brüder haben ein Geblüte, aber selten ein Gemüte." Bei Sunderlands Field Music ist man geneigt, diesem Spruch des alten Haudegen Friedrich Freiherr von Logau Recht zu geben. Im Sommer 2006 legten David und Peter Brewis ihre Band auf Eis und erklärten, es in Zukunft eher mit einem losen Kollektiv - in etwa nach dem Vorbild von Broken Social Scene - zu versuchen. Dabei kamen schließlich die Alben von School Of Language und The Week That Was heraus - die man getrost auch einfach als Solo Efforts bezeichnen konnte; die dann jeweils doch sehr nach Field Music klangen; und bei denen sich das Bruderpaar zudem nach wie vor gegenseitig unterstützte. Einen weiteren recht profanen Grund für die vierjährige Pause bietet nun "Measure". Denn der Nachfolger zu "Tones of town" ist ein 70minütiges Monstrum des feingetuneten Indie-Pops geworden. Da kann man schon mal einige Zeit dran herumarrangieren.

Um so schwerer fällt es, all die kleinen wie großen Kniffe und Tricks aufzuzeigen, die Field Music einfach so aus der Hüfte zu purzeln scheinen. "Effortlessly" etwa spielt ein Riff, wie es Jimmy Eat World bereits für "Believe in what you want" entdeckt hatten. Es schnippt allerdings spürbar aus dem Handgelenk, unterlegt mit Bass- und Gitarrensynkopen, es wirkt im Gesang nicht angestrengt oder drangsaliert, sondern lässt die Stimmen ebenso herabfallen wie die Akkorde - das alles gilt überhaupt für den gesamten Sound der Platte: lässig ist der, licht und ungemein konzentriert. Auch "First come the wish" holt die Slide-Gitarren zwar bei Built To Spill ab, spielt sie aber mit einer enormen Entspanntheit herunter. "Lights up" bietet eine melancholische Klavierkaskade, treibt sie jedoch mit einem hüpfenden Schlagwerk voran, spinnt sich für zwei Akkorde in Jazz ein, um sofort wieder ultratight auf der ersten Strophe zu sitzen. Edle Chorgesänge und Streicheraufbauten bilden dann zwar die Klimax des Songs, im Hintergrund läuft dazu allerdings auch das Anfangsriff beinahe unentdeckt einfach durch. Doch dessen Schultern sind eben breit. Sie stemmen all das, ohne auch nur den Hauch von Anstrengung erkennen zu lassen.

Dadurch bleiben Field Music stets mit Rock und frühem Indie verbunden. Die Ablenkung der Grundkonstanten wird nur so weit vorangetrieben, bis die Stimmen ihren Kanongesang andächtig aufziehen können und all das extraordinäre kompositorische und instrumentierte Tammtamm unter die Arrangements passt. Doch natürlich können Brewis und Brewis auch proggen und trippen, wie beim Flaming-Lips-Funk von "Let's write a book". Natürlich bleiben sie bei "You and I" dem balladesken Humpelrhythmus treu. Natürlich gehen die Gitarrenpickings von "Precious plans" den Weg durchs streicherbewährte Jammertal nicht ohne großen Abgesang, bei dem für gerade mal 10 Sekunden ein kickender Schlagzeug-Beat hindurchrollt. Und: Natürlich haben Field Music McCartney und Mercury im Blut, wie sich an den Chören und Klaviersprüngen von "Something familiar", "The rest is noise" und "Curves of the needle" ebenso zeigt wie an manch klarem Rock-Gestus, der durch David Brewis' Gitarrenspiel mäandert. Zwischen Zitat und Kopie muss sich "Measure" dabei gar nicht erst entscheiden. Field Music sind zu schlau für derartig herbeigeredeten Mehrwert. Schließlich sind wir nicht mehr in den Neunzigern. Und ihre Songs an sich einfach viel zu gut, um Partei zu ergreifen oder einen Gestus an sich selbst zu feiern.

So vollbringt "Measure" das Kunststück, dass drei Akkorde drei Akkorde bleiben. Und doch stets zu wirklich brillanter Pop-Staffage komponiert werden. Mit rhythmischen Verschiebungen in Richtung Jazz und Musical. Und einem wirklich langem Atem: Von den Trompeten- und Streicher-Aufbauten in "See you later" über den mit allerlei Spiellaune durchbrochenen Mainstream-Rock von "Them that do nothing" bis zum Disco-Funk von "Share the words" geht Field Music niemals die Puste aus. Der gute Freiherr von Hastenichtgehört hat da also, wie so oft, irgendetwas missverstanden. Denn "Measure" zeigt Brewis und Brewis als Brüder im Geiste. Ihr Zusammenhalt klingt klar wie Wasser. Und ihre Musik ist dicker als Blut.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Them that do nothing
  • Each time is a new time
  • Effortlessly
  • Lights up
  • Precious plans
  • Something familiar

Tracklist

  • CD 1
    1. In the mirror
    2. Them that do nothing
    3. Each time is a new time
    4. Measure
    5. Effortlessly
    6. Clear water
    7. Lights up
    8. All you'd ever need to say
    9. Let's write a book
    10. You and I
  • CD 2
    1. The rest is noise
    2. Curves of the needle
    3. Choosing numbers
    4. The wheels are in place
    5. First come the wish
    6. Precious plans
    7. See you later
    8. Something familiar
    9. Share the words
    10. It's about time

Gesamtspielzeit: 71:50 min.

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