Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra - Kollaps tradixionales

Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra- Kollaps tradixionales

Constellation / Southern / Al!ve
VÖ: 05.02.2010

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Wider den Konformismus

"Eines Tages wird alles gut sein, das ist unsere Hoffnung. Heute ist alles in Ordnung, das ist unsere Illusion." Frankreichs Chefaufklärer Voltaire, von dem diese Worte stammen, übte sich bereits im 18. Jahrhundert in Gesellschaftskritik. Eine Kritik, die immer aktuell bleibt - für die, die sich mit den gegenwärtigen Verhältnissen nicht arrangieren wollen und den Weitblick besitzen, dass eine andere Welt möglich ist. Das Prinzip Hoffnung stellt auch den Leitgedanken des Montréaler Musikerkollektivs um Efrim Menuck, das Studio Hotel2Tango und das Label Constellation Records dar. Großartige Platten hat uns diese Keimzelle des orchestralen Postrocks unter verschiedenen Namen beschert, mit Godspeed You! Black Emperor, A Silver Mt. Zion, Land of Kush und Evangelista seien nur einige davon genannt.

Mit "Kollaps tradixionales" legt die mal wieder umbenannte Bande ihr sechstes, vielleicht rockigstes Album vor. Der traditionelle Kollaps? Eine Anspielung auf die aktuelle Wirtschaftskrise, die im Abstand mehrerer Dekaden ein immanenter Bestandteil des kapitalistischen Wirtschaftssystems ist? Ein Verweis auf die ungezügelte Gier, die das System zum Einstürzen gebracht hat? Eine Kritik an einer Herrschaft der Wenigen über die Vielen? Wer eine Beantwortung dieser Fragen in den Texten des Albums sucht, findet sie nicht im Konkreten, sondern lediglich Hinweise mit großem Interpretationsspielraum.

Das Album beginnt sanft mit der langsamen, von Streichern und verhallter E-Gitarre getragenen Ballade "There is a light", die sich während ihrer fünfzehnminütigen Spielzeit diverse Male aufbäumt und wieder abfällt und diverse Teile durchläuft. "Don't you be precious / Don't you be meek / There ain't no damn glory / In the long retreat", so der mit bebender Stimme vorgetragene Apell an das Selbstbewusstsein des "wir". Es ist vielleicht der "quiet riot" der Widersprechenden; ein Chor, der größer ist als angenommen: "There's so many of us." Der Song, eine Widmung an Menuks Sohn Ezra Steamtrain Moss Menuch, der vergangenes Jahr das sprichwörtliche Licht der Welt erblickte.

Mit "I built myself a metal bird" folgt eine druckvolle, rockige Uptemponummer, die nicht zuletzt durch die gelungene Trommelarbeit des Neuzugangs David Payant überzeugt. "Our burnt little dreams are hid up where the stars get lid", konstatiert der Chor und fordert "Now-time's the right time / Let's lay those demons down." Der Folgetitel "I fed my metal bird the wings of other metal birds" beginnt mit einer von verstaubten Gitarren und schwirrenden Streichinstrumenten dominierten Soundscape, bis sich aus der zurückgewonnenen Struktur wieder das Motiv des "metal bird" herauskristallisiert.

"Kollapz tradixional (Thee olde dirty flag)" ist ein von Klavier, Geige und Gitarre getragenes Gedicht, in dessen Zentrum eines der bedeutendsten Kultursymbole steht: die Fahne. Zwischen flirrenden Sounds und gezupften Seiten gewinnt das Album mit "Kollaps tradicional (Bury 3 dynamos)" wieder an Fahrt und - zum kanonartig vorgetragenen Epizentrum - an Rockattitüde. Das Album schließt mit der fortdauernden Suche nach Erleuchtung: Von Störgeräuschen und einer sonderbaren Schrägheit durchtränkt, zelebriert "'piphany rambler" die Neugierde, das Nicht-müde-werden und die Hoffnung.

"Kollaps tradixionales" ist eine Platte, die einen ob ihrer kompositorischen Finesse, ihrer Lyrik und Spannung auch nach mehreren Hörgängen noch staunend zurücklässt. Von den pianoorientieren Songs der Erstlingswerke hat sich Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra fast gänzlich verabschiedet und arbeitet spürbar mehr mit Betonungen von Schlagzeug, Streichern, Gitarren und Bläsern. Dass die Band sich sowohl künstlerisch als auch musikalisch im Nonkonformismus übt, macht nicht zuletzt der zwischen Zuspruch und Verzweiflung pendelnde Gesang Efrim Menucks deutlich. Mit "Kollaps tradixionales" liefern er und seine MitstreiterInnen ein weiteres Kapitel des Soundtracks aller Nachdenklichen, Unangepassten und Ausgestoßenen dieser Welt - und jenen, die sich mit ihnen solidarisieren.

(Christoph Behrends)

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Highlights

  • There is a light
  • I built myself a metal bird
  • Kollapz tradixional (thee olde dirty flag)

Tracklist

  1. There is a light
  2. I built myself a metal bird
  3. I fed my metal bird the wings of other metal birds
  4. Kollapz tradixional (Thee olde dirty flag)
  5. Collapse traditional (For Darling)
  6. Kollaps tradicional (Bury 3 dynamos)
  7. 'piphany rambler

Gesamtspielzeit: 56:40 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
The MACHINA of God
2011-10-16 15:12:15 Uhr
"There is a light" war live auch absolut fantastisch.
Fred
2010-04-03 22:09:28 Uhr
Yo, danke, darf garnicht darüber nachdenken das ich dort die Lichtgestalten von GY!BE treffe
deren Musik meinen Horizont extrem erweitert haben Menucks derzeitige Band sind auf dem gleichen Level
hoffe jedoch jemals ein GY!BE Konzert zu erleben eine Reunion ist auch noch nach jahren möglich.

Matteo
2010-04-03 22:04:13 Uhr
Na dann wünsche ich dir schonmal viel Spaß und verspreche dir, dass es eines deiner intensivsten Konzerterlebnisse sein wird!
Fred
2010-04-03 22:01:23 Uhr
mir egal wie es heist jedenfalls wird
morgen ordentlich in die E-Gitarre geschrammelt
und ne menge Weltschmerz vom Himmel fallen :))


2010-04-03 21:59:35 Uhr
das wort heißt "einzige"
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