Midlake - The courage of others

Midlake- The courage of others

Bella Union / Cooperative / Universal
VÖ: 29.01.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Schmidtchen Schleicher

Falls Hameln mal wieder von einer Nagetierplage heimgesucht werden sollte - Tim Smith wäre bestimmt ein hochqualifizierter Rattenfänger. Schließlich hat er in den gut zwei Jahren, in denen er mit seiner Band Midlake an deren drittem Album "The courage of others" gearbeitet hat, fleißig das Flötespielen geübt. Und weil das so erfolgreich lief, gibt es dieses hübsche Instrument nun auf fast jedem der elf neuen Stücke zu hören. Nicht ganz so leicht hatten es die fünf Herren aus Denton, Texas damit, einen neuen Sound zu finden, mit dem sie sich wohlfühlten. Denn in einem Punkt waren sich alle einig: Man wollte sich nicht wiederholen, also auf keinen Fall ein zweites "Roscoe" schreiben, den Hit des durchweg großartigen Vorgängers "The trials of Van Occupanther". Es wurde komponiert, experimentiert, verworfen und, als nach einem Jahr immer noch kein brauchbarer Song fertig war, durchaus auch ein bisschen verzweifelt. Bis Smith und seine Kollegen sich offenbar an eine alte Weisheit erinnerten: Wenn man keine Fortschritte macht, dann sollte man es mal mit Rückschritten probieren.

Damit kennen Midlake sich ja schon ganz gut aus. Auf "The trials of Van Occupanther" wilderten sie in den frühen bis mittleren Siebzigern, schielten zu Fleetwood Mac, America und Neil Young. Nun reisen sie noch etwas weiter in die Vergangenheit - und sogar nach Europa. Das erklärte Ziel von "The courage of others" lautet: britischer Folkrock der späten Sechziger. Man denke an Bands wie Fairport Convention, Pentangle, Steeleye Span oder The Incredible String Band. Schon der Opener "Acts of man", übrigens der erste Song, den Midlake brauchbar fanden und der schließlich für das ganze Album richtungsweisend war, illustriert wunderbar die Wandlung der Reisenden: Die Farben sind noch herbstlicher geworden, die Stimmung winterlich. Midlake klingen, als sei ihnen gerade die Ernte erfroren und als würden sie sich demütig der Natur beugen. Und dann schließlich voller Dankbarkeit erkennen, dass ihre Vorräte trotzdem reichen werden.

Unter diesen Voraussetzungen darf man natürlich auch schon an den Frühling denken, "As the spring is made alive the winter dies" singen, sich zusammen mit der Option auf einen Neubeginn Mut antrinken und verkünden: "Full of spirit the village starts again / With one more year for a man to change his ways." Der Tonfall bleibt dennoch resignativ bis pessimistisch, um nicht zu sagen: deprimiert bis fatalistisch. Das einzige Lied, das sich innerhalb einer deutlich erkennbaren Dur-Tonart bewegt, ist das zauberhaft fragile "Fortune", das zwar nur zwei Minuten dauert, aber zweifelsohne zu den schönsten Nick-Drake-Songs gehört, die von Nick Drake weder gesungen noch geschrieben wurden. Das Tempo ist insgesamt sehr gemäßigt, die Instrumentierung dezent-rustikal und in bester Folkrock-Tradition mit ein paar mittelalterlichen Referenzen angereichert. Zum Beispiel, wenn die Akustikgitarre hier und da eher nach einer Laute klingt und vor allem natürlich, wenn die omnipräsenten Flöten tirilieren - beides sehr schön zu hören in "Children of the grounds".

"The courage of others" ist wesentlich verschlossener als sein Vorgänger, die Keyboards sind komplett flöten gegangen und es gibt auch keine großen Hooklines. Die Refrains fließen so dahin - gewinnen aber gerade dadurch eine ganz besondere Dynamik. Diese Lieder haben etwas Mystisches, das kaum greifbar und doch so berührend ist. Es schleicht sich langsam an, mit offenen Armen. Das hört man auf diesem Album nirgendwo so eindrucksvoll wie in den ersten zwanzig Sekunden von "Rulers, ruling all things", das hinten raus beinahe psychedelisch abdriftet und noch ein Fagott mit an Bord nimmt. "I only want to be left to my own ways", singt Smith und es überrascht nicht, dass Midlake auch dieses Mal wieder selbst produziert haben. "Core of nature" zitiert Goethe, "Bring down" lädt Stephanie Dosen zum Duett und ausgerechnet "The horn" beginnt mit der einzigen ungezähmten E-Gitarre, die das Album zu bieten hat. Aber es ist natürlich viel wichtiger, die dunkle Jahreszeit zu bändigen, draußen und drinnen. Das überraschend optimistische Urteil im abschließenden "In the ground" lautet: "After long winter's gone / Seems that all is well." Und sogar noch mehr als das. Nur Mut.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Winter dies
  • Core of nature
  • Fortune
  • Rulers, ruling all things

Tracklist

  1. Acts of man
  2. Winter dies
  3. Small mountain
  4. Core of nature
  5. Fortune
  6. Rulers, ruling all things
  7. Children of the grounds
  8. Bring down
  9. The horn
  10. The courage of others
  11. In the ground

Gesamtspielzeit: 41:44 min.

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User Beitrag

Herder

Postings: 1765

Registriert seit 13.06.2013

2013-08-09 16:13:21 Uhr
Hm, das neue Lied spricht mich jetzt auch nicht so direkt an. Das klingt doch ein wenig austauschbar und das obwohl mir die beiden Vorgängerplatten gut gefallen haben. Naja, vielleicht muss man das Ganze erst mal ein wenig "wirken" lassen.
cargo
2013-08-09 16:02:12 Uhr
Dass Midlake jetzt wie ein Klon aus Fleet Foxes und Tame Impala klingen stört euch also nicht?
Ich finds furchtbar, da sämtlichen Wiedererkennungswert verloren und den Sound übernommen, den es sowieso gerade zigfach zu hören gibt. Von dem textlichen Disaster fang ich erst gar nicht an...

dr. note

Postings: 11

Registriert seit 14.06.2013

2013-08-09 15:12:52 Uhr
Klingt sogar ziemlich gut.

Jennifer

Postings: 1404

Registriert seit 14.05.2013

2013-08-09 13:25:21 Uhr
"Antiphon"

Klingt doch gar nicht übel.
Jana
2013-08-06 10:38:12 Uhr
Schön soft-nachdenklich-melancholisches Softrockpop-Album mit viel Gefühl und romantischer Note, toll!
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