Kettcar - Fliegende Bauten (Live)

Kettcar- Fliegende Bauten (Live)

Grand Hotel van Cleef / Indigo
VÖ: 22.01.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Oder eben nicht

Auf den ersten Blick mag es mutig erscheinen. Auf den zweiten Blick aber ist es nur konsequent. Einfach mal stringent das zu bringen, was manche an Kettcar zum Kotzen finden. Diese etwas kitschige Gefühligkeit, die Romantik, die sich durch viele der Songs von Marcus Wiebusch schlängelt. Die Fronten sind also schon von vornherein geklärt: Wenn Kettcar akustisch mit einem Streicherquartett zusammenspielen, wird das keine Gräben zwischen den Lagern kitten. Die im Hamburger Kulturzelt Fliegende Bauten an einem Abend im November 2009 mitgeschnittenen 50 Minuten unterstreichen vielmehr das, was die einen als Stärken, die anderen als niederträchtige Schwächen dieser Band mit ihrer Oder-eben-nicht-Politik empfinden. Willkommen zum netten Gruppenkuscheln mit Kettcar!

Die Hälfte der Songs auf "Fliegende Bauten" sind zunächst einmal sichere Bänke. Wer hätte auch gedacht, dass "Volle Distanz", "48 Stunden" oder die gefühlvolleren Stücke "Balu" und "Nacht" nicht hervorragend funktionieren, wenn sanft, aber bestimmt einige Streicher-Elemente hinzugefügt werden? Auch "Balkon gegenüber" verliert nichts von seiner schmerzvollen Realität durch das besänftigende neue Kleid, in das der Song gezwungen wurde. Nur "Am Tisch" kommt etwas schlechter weg, was aber nicht an der musikalischen Umsetzung auf "Fliegende Bauten (Live)" liegt, sondern allein der Tatsache geschuldet ist, dass der Alltagsmelancholiker Niels Frevert nicht den Gegenpart singt. Die Stelle wurde stattdessen bandintern neu besetzt.

Interessanter wird das Projekt mit jenen Songs, die normalerweise von der Dynamik, Spielfreude und einem Ausbruch im Refrain leben. "Tränengas im High-End-Leben" und "Graceland" verlieren zwar an Explosivität, gewinnen dafür aber an Intimität, werden wärmer als das Original. "Landungsbrücken raus" und die Single "Money left to burn" tragen hier nicht den Schleier durchzechter Nächte vor sich her, sondern wirken gesetzter. Die Jungs werden nun einmal auch älter, da gibt es nichts zu beschönigen. Vor allem "Fake for real", sowieso eines der stärksten Stücke des letzten Studioalbums "Sylt", erstrahlt in neuem Glanz. Vom unterkühlt mechanischen Elektrogeschrummel befreit, entspinnt sich ein neuer Song, der sich auf die bitteren Lyrics konzentriert. Der mildere Sound legt die traurige Wahrheit in Wiebuschs Text frei und wühlt noch etwas mehr als das Original in der offenen Wunde. Schön auch, dass Kettcar trotz der Hits, die sie hier hätten spielen können, stattdessen die B-Seite "Hauptsache glauben" noch einmal aus dem Archiv hervorgekramt haben.

"Fliegende Bauten" ist keine mutige Rundum-Neuerfindung der Live-Band Kettcar geworden. Bis auf "Fake for real" haben Kettcar keinen Song konzeptionell über den Haufen geworfen. Stattdessen gibt es hier ein paar Streicher, dort eine etwas andere Stimmung. So ist "Fliegende Bauten" im Kern ganz eindeutig Kettcar. Das Album ist trotzdem - oder gerade deswegen - eine wirklich schöne Sache geworden, die einen Platz rechts im Regal neben "Sylt" verdient hat. Weil es manchmal egal ist, ob man wirklich mutig ist. Oder eben nicht.

(Kai Wehmeier)

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Highlights

  • Landungsbrücken raus
  • Fake for real
  • Nacht

Tracklist

  1. 48 Stunden
  2. Volle Distanz
  3. Tränengas im High-End-Leben
  4. Landungsbrücken raus
  5. Balkon gegenüber
  6. Balu
  7. Fake for real
  8. Money left to burn
  9. Hauptsache glauben
  10. Am Tisch
  11. Nacht
  12. Graceland

Gesamtspielzeit: 49:57 min.

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