Danger Mouse and Sparklehorse - Dark night of the soul

Danger Mouse and Sparklehorse- Dark night of the soul

Posthouse
VÖ: 02.06.2009

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Der Medienbruch

Die Aufregung war groß, als im Herbst 2006 erste Gerüchte um ein gemeinsames Projekt von Mark Linkous AKA Sparklehorse und Brian Burton, besser bekannt als Danger Mouse, durchs Netz spukten. Die beiden hatten sich kennen (und schätzen) gelernt, als Linkous dem Dangerdoom-Album "The mouse and the mask" ein paar Gitarrenspuren schenkte, wofür sich Danger Mouse auf "Dreamt for light years in the belly of a mountain" revanchierte. Nach und nach sickerte durch, dass auch Twin-Peaks-Regisseur David Lynch von der Partie sein würde, der "Dark night of the soul" nicht nur mit edlem Artwork ausstatten sollte. Die Hyperventilation der Blogs setzte endgültig ein, als die Namen der beteiligten Musiker bekannt wurden: Von Iggy Pop über Black Francis bis zu Julian Casablancas, von den Flaming Lips über James Mercer (The Shins) zu Ex-Grandaddy Jason Lytle. Außerdem Vic Chesnutt mit einer seiner letzten Aufnahmen, Suzanne Vega, Gruff Rhys (Super Furry Animals) und die charmante Nina Persson. Uff!

"Dark night of the soul" hätte also die Pop-Sensation des Jahres 2009 werden können, der Netz-Hype war bereits in der Mache, und die ersten hörbaren Lebenszeichen lösten gegebene Versprechen schon ein. Leider weigert sich die Musikindustrie immer noch, im Web 2.0 anzukommen. Der netzbegründete Erfolg des legendären grauen Albums - oder wenigstens der von Radioheads "In rainbows" - wird weiterhin blind ignoriert. Statt das sich geradezu aufdrängende Potential zu nutzen, meldete EMI die obligatorischen rechtlichen Vorbehalte an, und Danger Mouse musste im Veröffentlichungsfall mit einer Klage rechnen. Auch der Major hätte jedoch mit etwas rechnen müssen: Über einen flugs eingerichteten Onlineshop wurde "Dark night of the soul" als überaus edles, auf 5000 Stück limitiertes Buch sowie als Poster veröffentlicht. Jeweils beiliegend: ein CD-Rohling mit der Aufschrift: "For legal reasons, enclosed CD-R contains no music. Use it as you will."

Eine kleine Entscheidungshilfe für den Einsatz dieser Scheibe könnte jene Dreiviertelstunde Musik sein, die höchst legal beim National Public Radio gestreamt wird. Danger Mouse erklärte, dass er sich darauf freue, dass viele Menschen diese Musik hören - "by whatever means". Passend dazu tauchte "Dark night of the soul" schnell in diversen Filesharing-Netzen auf, und ungezählte Blogs erleichterten den Download der 160kbps-MP3s. Wenn die nötigen Abgaben auf den "Dark night of the soul"-Rohling bereits gezahlt wurden, widerspricht das Selbstbrennen nicht einmal dem Urheberrecht. Aber EMI reichte es noch nicht mit Eigentoren: Sie ließen auch noch den fünfzehnsekündigen Promo-Clip mit Lynchs Bildern, der auf Youtube aufgetaucht war, entfernen. Er enthielt übrigens keinerlei Musik. Und wurde prompt wieder hochgeladen.

Die Musik drohte durch die immer grotesker werdenden Umstände ihrer indirekten Veröffentlichung unverdient in den Hintergrund zu rücken. Dabei haben die beseelten Songs alle Aufmerksamkeit verdient. Die sympathische Unschärfe, die schon Gnarls Barkleys "Crazy" zum Überraschungshit gemacht hatte, liegt auch über "Dark night of the soul". Passend zum selbstreflektierenden Thema der dunklen Nacht der Seele, von der der spanische Mystiker Johannes vom Kreuz schon im sechszehnten Jahrhundert schrieb, ist stets ein dezentes Gruseln möglich. Danger Mouse verquirlt derweil Indie, Folk, Punk, Britpop, Spacerock, Country und Dub mit bizarren Kinderliedern und den Sounds einer altersschwachen Geisterbahn. Es schlenkert, schunkelt und schnurrt an allen Ecken, und von denen gibt es hier nicht wenige.

Trotz ihrer vielfältigen Einflüsse schmiegen sich die Songs aneinander wie ein sorgfältig zusammengesetztes Puzzle. Erst schwebt Wayne Coynes Falsett im eröffnenden "Revenge" in die vertraute Umlaufbahn, dann quäkt sich Lytle durch "Jaykub" und das bezaubernde "Everytime I'm with you", und wenn Rhys "Just war" singt, sitzen ein paar Liverpooler Pilzköpfe gleich nebenan. Das melancholische "Little girl" steckt Casablancas' halbherziges Soloalbum locker in die Tasche. Francis und Pop sind ganz in ihrem Element und lassen die Gitarren knarzen, während die beteiligten Damen für Eleganz sorgen. In Mercers zentralem "Insane lullaby" klackert es hektisch, während Glockenspiel und Streicher die spröde Romantik aufrecht erhalten. Dieser Song trägt den Titel, der all diesen 13 wunderbar skurrilen Lieder trefflich stehen würde. Es mag eine gewisse Verrücktheit in diesem Projekt stecken. Dennoch müssen nicht die beteiligten Künstler durch die metaphorische dunkle Nacht. Es ist die schnarchnasige Musikindustrie. Mal wieder.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Revenge (feat. The Flaming Lips)
  • Little girl (feat. Julian Casablancas)
  • Pain (feat. Iggy Pop)
  • Daddy's gone (feat. Mark Linkous and Nina Persson)

Tracklist

  1. Revenge (feat. The Flaming Lips)
  2. Just war (feat. Gruff Rhys)
  3. Jaykub (feat. Jason Lytle)
  4. Little girl (feat. Julian Casablancas)
  5. Angel's harp (feat. Black Francis)
  6. Pain (feat. Iggy Pop)
  7. Star eyes (I can't catch it) (feat. David Lynch)
  8. Everytime I'm with you (feat. Jason Lytle)
  9. Insane lullaby (feat. James Mercer)
  10. Daddy's gone (feat. Mark Linkous and Nina Persson)
  11. The man who played God (feat. Suzanne Vega)
  12. Grim augury (feat. Vic Chesnutt)
  13. Dark night of the soul (feat. David Lynch and Scott Spillane)

Gesamtspielzeit: 45:45 min.

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