Bob Dylan - Christmas in the heart

Bob Dylan- Christmas in the heart

Columbia / Sony
VÖ: 09.10.2009

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Holder Knabe im lockigen Haar

Es ist mitunter traurig, dass trotz des anhaltenden technischen Fortschritts die Gehirnleistung manch eines Mitbürgers auf der Strecke bleibt. So streitet man in Fachforen anno 2009 doch noch immer um die stimmliche Beschaffenheit von Bob Dylans Sangesorgan. Es dürfte mittlerweile ein offenes Geheimnis sein, dass Stimmbänderperfektion ganz und gar nicht für Anspruch und für Qualität steht. Und Wohlklang nicht alles das ist, was wohl klingt, gleichzeitig hübsch, adrett und fein geschliffen anzuhören ist. Aber bevor der Sprung in kunsttheoretische Tiefen zu verwirren beginnt, hier ein weiteres Ärgernis dieser Tage: Es gibt doch noch immer Kleingeister, die trotz fortschreitender Alterung der Gesellschaft, Avantgarde- und Undergroundbewegung nicht dazu in der Lage sind, zu begreifen, dass ein Künstlerdasein nicht mit 60 Jahren enden muss. Ein weiterer Krikitpunkt, der auch Bob Dylan Album für Album entgegenschlägt. Und nun bringt dieser Hundskerl auch noch ein Weihnachtsalbum heraus. Auch ohne weihnachtlichen Bezug lässt sich sagen: Ein gefundenes Festfressen für freizeitlich agierende Musikkritiker, die es sich hinter ihren Vorurteilen gemütlich gemacht haben.

Wollen wir nicht allzu böse sein, denn es besteht ja immer noch die Möglichkeit, dass "Christmas in the heart" ein verdienter Reinfall wird, und wir in vernichtender Einigkeit Weihnachten feiern können. Dylan wäre zumindest nicht der erste Musiker, der solch ein Projekt in den Sand setzt. Skepsis ist also angebracht. Ein Fehler wäre es allerdings, einen Bezug zu vorangegangen Alben wie "Together through life" oder "Love and theft" herzustellen. Heißt: Eine gewisse Freude an Weihnachtsliedern und die Akzeptanz für manch rührseligen, gar kitschigen Unterton und auch den christlichen Background sollte vorhanden sein. Schließlich legt Dylan diese Merkpunkte für "Christmas in the heart" auch nicht ab, pflegt sie sogar behutsam. So bleibt der bekannte Song "Winter wonderland" von Felix Bernard ein fröhlich-naives Mitsing- und Schunkelstück, verstärkt durch die zuckersüßen Damenstimmen im Hintergrund und versehen mit dezenten Country- und Blues-Anleihen, die sich durch das ganze Album ziehen und den unverkennbaren Eigenanteil ausmachen. Die genannten Damen, sie brillieren als besänftigender Abschluss auch in der anschließenden englischen Komposition "Hark the herald angels sing", die trotz ihrer epischen Größe mit dem Blick auf Reduktion produziert wurde. Nur Dylans Stimme selbst greift beherzt, leidenschaftlich und, ja, wunderschön in die Vollen, erhebt sich mit Nachdruck sogar über die Streicher bzw. Bläser, die in vielen anderen Interpretationen den Ton angeben.

Auch wenn vor allen Dingen die traditionellen Stücke überzeugen, wie das fast schon hypnotisch instruierte, in dieser Version fesselnde "Little drummer boy", gefällt Dylan auch mit modernen Varianten des amerikanischen Weihnachtsliedgutes. In "The Christmas blues" von Dean Martin verzichtet Dylan auf emotionshaschende Streicher und führt den Weihnachtsblues auch tatsächlich in die Nähe eines erdigen Bluesstandards. Und selbst die dezente Überzeichnung eines öffentlich Leidenden gelingt ihm. Die einzeln betrachtet gelungene Polka "Must be Santa", die weit über dem mehrstimmigen Original steht, will sich dagegen nicht so recht einfügen, fügt der an sich bedächtigen Auswahl vielmehr einen erheblichen Schnitzer zu. Genau das passiert dem County-Folk-Stück "Christmas Island" von den Andrew Sisters, mit verträumter und berauschender Steel Guitar, nicht. Hier funktioniert der Song als gelungener und belebender Bruch im Konzept.

Das Bemerkenswerte und schlichtweg Schöne an "Christmas in the heart" ist, dass Dylans Stimme und die fast minimalistischen Arrangements der perfekt agierenden Band wie eine Antithese zum sonstigen gewaltigen, meist unaushaltbaren Weihnachtsbrimborium funktioniert. So fühlt es sich mitunter an, als schneide Dylan die ausgewählten Stücke entzwei, um in ihnen den melancholischen, tiefgreifenderen Kern zu finden und hervorzuheben. Um darzustellen, welche Sehnsüchte, Wünsche und Reflektionsgedanken Menschen mit dem oftmals buntgeschmückten Fest verbinden - und die Vielschichtigkeit der Emotionen, die man diesem Fest (wenn man es denn als Fest ansieht) entgegenbringt oder die eben dadurch ausgelöst werden. Dabei beleuchtet "Cristmas in the heart" sowohl traditionelle Sichtweisen wie auch moderne. So beschreibt das aus den Fifties stammende "Silver bells", bestimmt durch einen langsamen, abgehackten Countyrhythmus, ein Weihnachtsfest in der Stadt und nicht, wie üblich, ein ländliches Szenario. Es wäre wohl zu viel des Guten, würde man behaupten, es sei Dylans einziges Ziel, mit "Christmas in the heart" die innere wie objektive Psychologie der Weihnachtsfestes aufzuzeigen. Sicher ist: Er wird selbst eine gewisse Affinität dazu aufbringen und ab und an der Rührseligkeit der Stücke gerecht werden. "Christmas in the heart" ist keine Interpretation eines alternativen Blicks auf Weihnachten, ausgedrückt durch 15 Christmas Songs, sondern ein glasklares, memorables Weihnachtsalbum. Eines, das man auch in kommenden Jahren pünktlich zum Jahresende mit Freuden aus dem Schrank zieht.

(Markus Wollmann)

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Highlights

  • Do you hear what I hear?
  • Hark the herald angels sing
  • Little drummer boy
  • Silver bells

Tracklist

  1. Here comes Santa Claus
  2. Do you hear what I hear?
  3. Winter wonderland
  4. Hark the herald angels sing
  5. I'll be home for Christmas
  6. Little drummer boy
  7. The Christmas blues
  8. O' come all ye faithful (Adeste fideles)
  9. Have yourself a merry lttle Christmas
  10. Must be Santa
  11. Silver bells
  12. The first Noel
  13. Christmas Island
  14. The Christmas song
  15. O' little town of Betlehem

Gesamtspielzeit: 45:22 min.

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captain kidd

Postings: 1595

Registriert seit 13.06.2013

2014-12-13 08:13:06 Uhr
spät - aber von herzen. alles alles liebe, bartel.
bartel(d.E.)
2014-11-30 11:15:13 Uhr
Who's got a beard that's long and White?

...Pünktlich zum ersten Advent.

Frohes Fest und ruhige Tage, Captain!
Euch anderen natürlich auch.
wow
2013-11-15 20:09:26 Uhr
bartel (d.E.) ist auch nach an bord.

captain kidd

Postings: 1595

Registriert seit 13.06.2013

2013-11-15 20:01:51 Uhr
liebste grüße zurück, bartel(d.E.).
Onkellou
2013-11-15 18:44:47 Uhr
Weihnachtslieder, die also wirklich und wahrhaftig vom Weihnachtsmann sind und einmal nicht mit Engelsstimme sprechen. Ein Album, das beim nochmaligen Hören gewinnt. Zu meiner Überraschung viel weniger "Nebenwerk" als ich dachte. Alles kommt von weit her und tönt von tief unten herauf: Hustenreiz steigt im Hals hoch, Rotze gurgelt, Speichel trieft. Endlich null Grad.

9/10
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