Daniel Johnston - Is and always was

Daniel Johnston- Is and always was

Feraltone / Cargo
VÖ: 20.11.2009

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

A beautiful mind

"Er ist der Syd Barrett der MTV-Generation." So könnte die Antwort lauten. Auf die Frage, wer denn dieser Songwriter namens Daniel Johnston eigentlich sei - schließlich teilt der sich mit dem Ex-Pink-Floyd-Sänger die Lebensgeschichte vom genialen Künstler, dessen Talent noch vor seiner völligen Entfaltung von den Dämonen einer psychischen Erkrankung verschüttet wurde. Noch besser aber verweist man einfach auf die beeindruckende Dokumentation "The devil and Daniel Johnston", und lässt jeden die gänzlich unwahrscheinliche Lebensgeschichte des Musikers selbst entdecken: Man sieht und hört hier von der manischen Depression des unglücklich verliebten Kunststudenten, dem Flugzeugabsturz, dem MTV-Underground-Star, dem McDonalds-Job, dem wegen Angst vor dem Teufel geplatzten Plattendeal - und immer wieder von der schrägen, aber zu Tränen rührenden LoFi-Popmusik, die Johnston seit den 80ern in einer Garage mit simpelsten Mitteln auf Kassetten aufnahm.

Von Eingeweihten kultisch als Genie verehrt, ist Johnston heute selbst dem Indie-Publikum teilweise noch unbekannt (trotz des gelungenen Quasi-Tributes "The late great Daniel Johnston - Discovered covered" von 2004). Weil also offenbar nicht jeder die Geduld für unterirdische DIY-Aufnahmen besitzt, wagt das neue Album "Is and always was" den Schritt von schrullig-schönen Songskizzen zu ausproduzierten Farbbildern: Produzent Jason Falkner (unter anderem Paul McCartney) ist das Kunststück zu verdanken, dass Johnstons brüchige Stimme weder an den Rand gedrängt noch bloßgestellt wirkt. Stattdessen bekommen die farbenfrohen Pop-Nummern endlich die differenzierten Beatles-Arrangements, Effekte und Overdubs, die sie in seinem Kopf vermutlich immer schon hatten.

Johnstons krude und faszinierende Gedankenwelt ist hingegen dieselbe geblieben: "I'm just a psycho trying to write song", singt er im Opener "Mind movies" (der wohl deutlichsten Referenz an seine LoFi-Tage) ohne Bitterkeit, und auch das von Pixies-Gitarren und putziger Selbstironie durchflutete "I had lost my mind" zeigt ihn mit sich und seinen Dämonen im Reinen. "High horse" mit seinem sonnig gestimmten Klavier ist dann eine dieser wunderschönen Pop-Nummern, deren herzzereißende Unvermittelheit einen glatt umreißt: Mit schrägem Gesang und medikamentös bedingt undeutlich-feuchter Aussprache beschwört der Sänger in beinahe einfältig naiv wirkender Direktheit noch 30 Jahre später seine Liebe zu dem einen Mädchen. Irgendwo in dem Spannungsfeld von simpel überbordenenden Liebeserklärungen an "Queenie the doggie", kruden bis humorigen Fantasiereisen in Johnstons Gehirnwindungen wie der psychedelischen Uptempo-Rocknummer "Lost in my infinite memory" und dem Eigensinn einer Quasi-Bob-Seeger-Hommage à la "Fake records of rock and roll" kommt der Hörer dem Menschen und Musiker Daniel Johnston näher.

Einem Menschen, der sich mit seinen 48 Jahren - Starrsinn und Anderssein zum Trotz - unter der adipösen und grauhaarigen Hülle immer sein schüchternes, kindliches Gemüt bewahrt hat, das in anderen Menschen ein Gefühl der Rührung erzeugt. Einem, dessen funkelnder Verstand noch immer Musik hervorbringt, deren beschädigter Schönheit man sich kaum entziehen kann. Der in eine Reihe gehört mit Ausnahmetalenten wie eben Syd Barrett, John Frusciante oder dem Mathematiker John Nash (dessen Lebensgeschichte den Film "A beautiful mind" inspirierte). Kurz: denjenigen Geistern, die beim Balancieren an der Grenze zwischen Genie und Wahnsinn ein ums andere Mal den Schritt hinüber gemacht haben. Johnston steht heute einigermaßen fest auf der Genie-Seite, "Light of day" fusioniert meisterlich Beatles-Entwurf und verhallten Pink-Floyd-Trip. Als wäre ihm die geistige Nachbarschaft zu Syd Barrett intuitiv klar gewesen. Shine on you crazy diamond.

(Dennis Drögemüller)

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Highlights

  • Queenie the doggie
  • High horse
  • Without you
  • I had lost my mind

Tracklist

  1. Mind movies
  2. Fake records of rock and roll
  3. Queenie the doggie
  4. High horse
  5. Without you
  6. I had lost my mind
  7. Freedom
  8. Tears
  9. Is and always was
  10. Lost in my infinite memory
  11. Light of day

Gesamtspielzeit: 35:08 min.

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User Beitrag
Pascal
2010-02-15 12:14:51 Uhr
Das neue Album "Beam Me Up" erscheint am 26. März.
lumdam
2009-12-17 21:17:34 Uhr
Ein Wahnsinnsalbum, eines der Highlights des Jahres. Tendiert bei mir ganz starrk zu einer 9 :)
mabrler
2009-12-16 12:31:33 Uhr
Ich wusste gar nicht, dass das im Original von Johnston kommt. Wird ja immer besser! :)
The Triumph of Our Tired Eyes
2009-12-16 11:27:30 Uhr
Obwohl ich sagen muss dass mir die Version von A Whisper In The Noise am besten gefällt.
The Triumph of Our Tired Eyes
2009-12-16 11:15:50 Uhr
Den möchte ich auch mal gerne live sehen. "True Love Will Find You In The End" ist immer noch eines meiner Lieblings-Lieder.
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