Leonard Cohen - Live at the Isle Of Wight 1970

Leonard Cohen- Live at the Isle Of Wight 1970

Columbia / Sony
VÖ: 23.10.2009

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Sternstunde

Jimi Hendrix hat noch drei Wochen zu leben, doch ist er gerade damit beschäftigt, seiner Gitarre ein Stoßgebet abzuverlangen. 600.000 Menschen starren auf die Bühne. Gebannte Seelen, die eben noch die Krachorgie von The Who schlucken mussten, die von den Doors um den Verstand gespielt wurden. Es ist Mitternacht, und der Mob will sich endlich prügeln. Er will Parolen schreien, das Festivalgelände zerlegen, sich animalisch gebärden. Es ist das Jahr 1970 und Leonard Cohen hat seine ersten beiden Platten veröffentlicht. Just aus dem Schlaf gerissen, muss er in dieser Nacht die Bühne von Hendrix übernehmen. Eine unlösbare Aufgabe. Cohen nutzt sie, um Musikgeschichte zu schreiben.

Die Legende einer Nacht: Der Rock 'n' Roll steht kurz vor der Explosion, er wird zum Spielball der Interessen, gefressen von der Maschine, die er bekämpft. Einmal noch die ehrliche Wucht der Gitarren im Magen spüren, einmal noch den süßen Duft der Jungfräulichkeit schnuppern. In dieser Stunde des Begehrens von Lautstärke und Zügellosigkeit, erklimmt Cohen mit seiner Band die Bühne. "Greetings", ruft er der lauernden Menge entgegen, "Greetings". Und diese warmen, herzlichen Worte versetzen die Menschen augenblicklich in Trance. Vergessen ist Hendrix' exzessiver Auftritt, vergessen ist die Zerstörung der Who. "Greetings", ruft Cohen 600.000 Menschen zu. Und beginnt sein Set mit "Bird on the wire".

Er nennt seine Band The Army und lässt sie auf Holzstühlen sitzen. Im Trenchcoat steht Cohen da am Mikrophon, die schönen Backgroundsängerinnen an seiner Seite. "Like a knight from some old fashioned book", haucht er und trifft damit den Punkt: Es sind die Stücke, die aus der Zeit gefallen sind. Es ist seine Band, die den großen Kontrast zum bisher Gesehenen bildet. Es ist Cohen selbst, der flüstert und der Macht der Worte vertraut. Und es reichen gezupfte Gitarren, um damit eine Atmosphäre zu schaffen, die so bedrückend ist, dass man kaum atmen, sich nicht mal die Tränen aus den Augenwinkeln wischen will.

Den ersten Sprung muss man überstehen: Kaum hat Cohen seiner Muse Marianne Jensen gedankt, flutet das himmlische "So long, Marianne" die Nacht, wappnet sie für die Ewigkeit. All die großen, starken Songs geben sich nun die Klinke in die Hand, jede Komposition genießt hier ihre gebührende Würdigung. Das zeigt, in welch großartiger Verfassung Cohen war, in welchen genialischen Höhen er sich austobte. Es ist die Zeit nach "Songs of Leonard Cohen" und "Songs from a room". Und es ist die Zeit unmittelbar vor seiner Veröffentlichung des Jahrhundertalbums "Songs of love and hate".

Noch im Geheimen schlummern zu dieser Stunde die Hasstriade "Diamonds in the mine", das unendliche tiefe "Sing another song, boys" und das betörende, großartige, unerreichte "Famous blue raincoat". An diesem Abend spielt er die Songs für das glückliche, erlegene Publikum. In frühen Versionen, anders, als die später weltberühmten Songs. Man kann es nicht fassen, man traut seinen Ohren nicht. Elendig sitzt man da, lauscht den Klängen, atmet schwer. Und während Cohen endlich von seiner Zeile "My brother, my killer" zerfleischt wird, bricht sie heraus: die Sturmflut der Emotionen.

Ist man hier angekommen, hat man schon eine Menge erlebt: "Suzanne" musste man schlucken, der selige Song, in dem die ganze Traurigkeit der Welt steckt. Das schonungslose, tiefschürfende "Hey, that's no way to say goodbye" hat man einstecken müssen und auch das zynische, das euphorische "Tonight will be fine" sitzt noch tief. Mit "Seems so long ago, Nancy" verlässt der singende Poet die Bühne, geht seinen Weg. So manches liegt noch vor ihm, so manches bereits hinter ihm. Doch in diesem Jahr 1970, zu dieser späten Stunde, hat er die Menschen berührt. Ja, in dieser Nacht hat er die Welt verschönert.

(Christian Preußer)

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Highlights

  • So long, Marianne
  • Hey, that's no way to say goodbye
  • Suzanne
  • Sing another song, boys
  • Famous blue raincoat

Tracklist

  1. Introduction
  2. Bird on the wire
  3. Intro to So long, Marianne
  4. So long, Marianne
  5. Intro to Let's renew ourselves now
  6. You know who I am
  7. Intro to Poems
  8. Lady Midnight
  9. They locked up a man (poem) / A person who eats meat / Intro
  10. One of us cannot be wrong
  11. The stranger song
  12. Tonight will be fine
  13. Hey, that's no way to say goodbye
  14. Diamonds in the mine
  15. Suzanne
  16. Sing another song, boys
  17. The partisan
  18. Famous blue raincoat
  19. Seems so long ago, Nancy

Gesamtspielzeit: 81:32 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
gans
2010-01-19 14:30:36 Uhr
gähn, ich ziehe die 1970/1970
Korrektur
2010-01-18 21:26:45 Uhr
Live at The Isle Of Wight 1970
Hans
2010-01-18 21:23:36 Uhr
Beide Alben laden natürlich zum direkten Quervergleich ein. Wer war der bessere Cohen? Zugegeben, solche Vergleiche sind zum Scheitern verurteilt, denn sowohl der junge wie auch der alte Cohen sind großartige Performer. Das große Plus gegenüber "Live In London 2008" ist zweifellos die Songauswahl. Es werden ausnahmslos Lieder der "Songs"-Trilogie gespielt. Alles ist ausgerichtet auf den Sänger Cohen, der sich mit stoischer Ruhe und Gelassenheit durch sein Set spielt - und ihn auf der Höhe seines Schaffens zeigt. Folgerichtig meine Wertung:

Live In London 2008 8/8 (sehr gut, großartig)
Live at Isle Of Wight 1970 (geweint!)
Greylight
2010-01-18 21:00:30 Uhr
Aha Hans, ich sehe aber, du gibst der "Live in London" ebenfalls eine "8/8".
Hnas
2010-01-18 20:30:26 Uhr
Den David Thomas(Pere Ubu) kannst du Dir in den Allerwertesten stecken, ich höre diesen Mist nicht.
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