Savoy Grand - Accident book

Savoy Grand- Accident book

Glitterhouse / Indigo
VÖ: 27.11.2009

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Stille halten

Man hatte es lange befürchtet, aber jetzt ist es wahr geworden: Die verspulten Dance-Remixes auf der "Empty roads - Tour EP", die die entschleunigte Kammermusik der Engländer mit Indietronics-Infusionen pimpte, waren keine Finte. Savoy Grand gehen mit ihrem vierten Album in die Disco. Bumm bumm bumm. Nein, halt! Alles nur Spaß. Auf "Accident book" laufen Graham Langleys Songs natürlich noch immer in verlangsamter Zeitlupe ab. In den Arrangements klaffen Löcher, damit die Obertöne der überbordenden Unsicherheiten bis an die Schmerzgrenze nachwirken können. Und natürlich sind die Melodien weiterhin resigniert und niedergeschlagen genug, um sämtliche Klingeltoncharts dieser Welt vor Schreck für immer verstummen zu lassen.

Schon mit "A good walk spoiled" beklagt sich Langley über die Ungerechtigkeiten des Lebens und betritt damit klassisches Savoy-Grand-Territorium. Der streichelnde Wohlklang von "Last night on Earth" tröstet nicht nur die Verlassenen und Gekränkten, sondern verschenkt dazu ein paar Giftpfeile. Immer wieder ist es der rettende Sarkasmus von Zeilen wie "You stick in my throat", der sich der Depression verweigert. Zwar wollten Savoy Grand bereits mit dem ersten Song ihres famosen Debüts "Dirty pillows" die Einsamen bewaffnen. Ob Weicheier aber tatsächlich kämpfen können, zweifelt "Day too long" an: "I'm not a fighter / I won't fight you." Dieser Soldat kennt seine Limitierungen: "You can't change the world with a song." In "The undertaking" widmen sich Savoy Grand der Ruhe vor dem Totschlag: "I look at my fingers / I count one to ten." Das einfallende Getöse wird durch den plötzlichen Schluss abrupt ausgebremst. Was den gefühlten Tumult jedoch sogar noch verstärkt.

Die malerischen Veränderungen, die manchmal acht Minuten lang durch die Songs schweben, loten das ganze Potential dieser Band aus. Wo sich aber der Vorgänger "People and what they want" vornehmlich elegischer Subtilität und Texturverschiebungen widmete, gewinnt "Accident book" wieder an Pointiertheit und Schärfe. Savoy Grands Wille zur Verzögerung ist alles andere als ein Spiel mit der eigenen Unentschlossenheit. In den sorgsam gesetzten Bläsertupfern, Klavierbögen und minimalisierten Riffs von "Accident book" steckt selbstbewusste Leichtigkeit. "Fourcandles" verbindet auf imposante Art den feierlichen Stillstand mit einem lockeren Fußwipper-Groove. Wo in diesem Pop-Meisterwerk gedämpftes Schlagzeug und sanftmütiger Bass die Füße in Bewegung bringen, nutzt "Photophobia" die Energie des Abbremsens. Kurz vor dem Verstummen haucht Langley "You used to know me" ins werdende Nichts, um danach mit wehender Gitarre und sakralem Schwung emporzusteigen.

Ähnlich der kunstvollen Unschärfe ihrer Cover überführt die Band aus Nottingham weiterhin Emotionen in andere Aggregatzustände. Sie koppeln Aggression von Lautstärke ab und trennen innere Aufruhr von Gewalt. Neun großartige Songs lang zelebrieren Savoy Grand die Faust in der Tasche. "Accident book" übersetzt die Philosophie der Gewaltlosigkeit in britisches Moll. Ebenso viel Schönheit wie die ehrenvolle Trauer besitzt auch der nicht gewagte Widerstand. Statt Neurosen wächst hier aus der Frustration die vielleicht anmutigste Musik dieser Welt. Und Zeit malt alle Wunden.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Fourcandles
  • Last night on Earth
  • The undertaking
  • Photophobia

Tracklist

  1. A good walk spoiled
  2. Day too long
  3. Fourcandles
  4. The doctor's teeth
  5. Last night on Earth
  6. The undertaking
  7. The mountaineer
  8. Photophobia
  9. The plan

Gesamtspielzeit: 50:47 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Heulender Vogel
2010-02-12 09:39:40 Uhr
YOU DON'T BEND, YOU BREAK!

Yay, bei mir spielen die erst am 12.03, das wird toll!
htappert
2010-02-12 01:45:30 Uhr
Jau. Allerdings. Das kann nicht wirklich an irgendetwas haengen. Wie auch. Und am 2.3.2010 ist es so weit.

A TRAINED DOG IS A HAPPY DOG
analyse
2010-02-04 21:12:07 Uhr
nur 20 lausige postings bisher in diesem thread. wenn eine band "indie" ist, dann diese!
Wulfenmaster
2010-02-04 21:05:25 Uhr
@ tamtam: 1. ich glaub das war ironisch gemeint von horscht. 2. ich hoffe deine dein letztes Zitat war auch ironisch gemeint????!!
TamTam
2010-01-22 15:25:46 Uhr
Rein musikmäßig bin ich ein Normalo, alles groovige, meist mainstreamige, von Rock bis Pop, nix nischiges, eher das was auch viele kaufen und positive Stimmung macht oder fördert.
Mit dieser, wahrscheinlich angeborenen Gesinnung treffe ich fast ausschließlich nur auf ebenso positive Mitmenschen und das nicht nur auf vielen Partys oder in Clubs. Ich brauche halt den Spass.
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