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Solander - Since we are pigeons

Solander- Since we are pigeons

A Tendervision / Al!ve
VÖ: 16.10.2009

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Acid Lindgren

Ein Mädchen an einer Fahnenstange. Ein Pferd auf einer Veranda. Ein dicklicher Junge mit einem Propeller auf dem Rücken. Na? Klar: Michel aus Lönneberga, Pippi Langstrumpf, Karlsson vom Dach. Oder kürzer: Astrid Lindgren. Kaum eine deutsche Kindheit, auf der nicht der erzählerische Stempel der 2002 in hohem Alter verstorbenen Kinderbuchautorin prangt. Ihre Geschichten prägen bis heute nicht nur Kindheitserinnerungen, sondern auch das Schweden-Bild vieler Menschen: fruchtbar und freundlich breiten sich kühl-grüne Grasländer, beschaulich verwinkelte Pflasterstraßen und gemütlich aufragende Gehöfte vor dem geistigen Auge aus. Kutschen fahren Hauslehrer in Frack und Zylinder herum, blondbeschopfte Mägde in weißblau gepunkteten Schürzen servieren dampfende Suppenterrinen und alle Kinder lächeln durch ihre Zahnlücken.

2009 sind Menschen und Landschaft im Wesentlichen erhalten geblieben, nur die schwedische Musik reiht sich nicht zwangsläufig in die schöne Beschaulichkeit ein. Womit hier nicht The Hives, Arch Enemy oder Hammerfall gemeint sind, sondern Solander. Das Projekt des Musikers Frederik Karlsson zeichnet die Konturen friedlicher Abgeschiedenheit der Lindgrenschen Fiktion mit einer Form von Elektro-Folk nach, die Bon Ivers Eskapismus eine eisige Note verpasst und sich bei Andy Warhol die eine oder andere Acid-Fantasie borgt. Auf so einer Basis kann man jede Menge zwischen Indie und Folk ausbreiten:"Berlin" zügelt sein hektisches Banjo-Picking mit einem Trip-Hop-Beat, "Narcissus" driftet vom Hippie-Eisnebel zu Indie-Handclaps, und "When we are away" preist zu süßem Indiepop die Vorzüge eines Wochenendtrips nach Berlin zur letzten Fleet-Foxes-Show. "NY state" schließlich hätte Thees Uhlmann vermutlich gar nicht so viel anders umgesetzt.

Glitzernde Schönheiten finden sich in den Traumbildern von "Since we are pigeons": "How does he cope with it / The boy who raised the dead", fragt Karlsson in die Holzbläsermelancholie von "St Michael" und hat alle Taschentücher auf seiner Seite. Zur Hälfte geht dem Album leider etwas die Puste aus, "White room" oder "Make amends" kommen nicht recht auf den Punkt, und auch der Schlafliedtenor von "Night in Vagnhärad" ist nur eine halbe Erklärung für die dösige Grundhaltung. Dabei steht Karlsson der Indierock, den er an einigen Stellen des Albums andeutet, ebenso gut wie die weiten Streicherflächen. Doch so ganz schwingt sich das Album eben nie auf, verwandelt die drogeninduziert anmutende Schwerfälligkeit und Melancholie am Ende nicht zu seinen Gunsten. Astrid Lindgren beschreibt in ihren Geschichten die schönste, mögliche Welt, die sie in ihrer Umgebung gesehen hat. Solander alias Frederik Karlsson sieht sie vermutlich ebenso. Nur eben verzerrt.

(Dennis Drögemüller)

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Highlights

  • Berlin
  • When we are away
  • St Michael

Tracklist

  1. Berlin
  2. Narcissus
  3. When you are away
  4. NY state
  5. St Michael
  6. White room
  7. Looking for gold
  8. One more shot
  9. Make amends
  10. Night in Vagnhärad
  11. Gladiolus

Gesamtspielzeit: 36:08 min.

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