Mark Eitzel - Klamath

Mark Eitzel- Klamath

Decor / Indigo
VÖ: 06.11.2009

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

x, y und n

Formeln sind Maschinen. Zumindest behaupten das Mathelehrer gerne, um hirnfaulen Schülern Algebra beizubringen. Man schütte Zahl x rein und Zahl y kommt raus. Oder es wird eine Gruppe n weiblicher Protagonisten nach Manhattan geschickt, man addiere ausreichend Sex und Schuhe, und am Ende steht eine Abendserie für ProSieben. Diese Formel wird noch dadurch begünstigt, wenn eine der Protagonistinnen für ein bekanntes Magazin schreibt, dann wird mit Glück sogar ein Abendfilm daraus. Im Pop könnte eine erfolgversprechende Formelmaschine lauten: Musiker x addiert Gitarre y und n zusätzliche Hintergrundplänkerinstrumente zu einer Platte. Musik ist aber nun einmal keine Mathematik, und so funktioniert diese Idee mal gut, mal weniger gut und hat kein festes Ergebnis. Auf "Klamath" lösen sich die Klammern enger Formeln jedoch schnell auf und entlassen die einzelnen Töne in die laue Abendluft.

Dabei könnten Zweifel aufkommen. Titel wie "I miss you" oder "Remember" etwa erinnern an böse Plattitüden, kriegen aber dann doch die Kurve. Hier wird ein Klavier eingestreut, da kuscheln sich die Besen an die Schlagzeugfelle. Das Setting wird dabei freilich nie verändert. Ab und zu verirrt sich ein anderes Instrument ans Lagerfeuer, aber keins hält es dort lange aus. Das würde schließlich Geschlossenheit und Intimität stören, und außerdem gehört Mark Eitzels Stimme hier in den Vordergrund. Sie umschmeichelt den Raum, wirkt gebrochen, aber hat noch genug Kraft, sich zu behaupten. Unheimlich ziehen dann die Klänge in "Why I'm bullshit" vorbei, ohne die Oberhand zu gewinnen. So etwas mag einigen routiniert vorkommen, und dennoch schafft es Eitzel, ausgetrampelte Wege zu verlassen, um ein wenig in den Wiesen zu stöbern und ein paar neue Momente aufzuscheuchen.

Denn "Klamath" zieht seine Kraft daraus, dass Eitzel weiß, an welchen Stellen seine Stärken liegen, und diese muss er dem Hörer nicht unter die Ohren reiben. "Antennas" schummert sich im Dunst der Nacht in die Wolken und drückt den Krach noch ins Melodische, verbiegt die Löffel, um aufzublühen. Ein kurzes Luftholen, das den Kreis noch enger schnürt. Weltschmerz oder Verbitterung finden darin keinen Platz, vielmehr eine abgeklärte Melancholie. Es ist einfach, sich an diesem Ort zu verlieren, scheint doch da noch genau ein Platz frei zu sein, der besetzt werden kann. "Like a river that's reaching the sea" dümpelt dann auch mit einem Floß langsam den Strom hinab und lässt sich die Sonne aufs Deck scheinen.

Es geht immer vorwärts, ob nun gewollt oder nicht. Die Dinge verändern sich eben. Diese Flüchtigkeit lässt sich nicht einfangen, sondern nur als Element einbinden, das in den gezupften Saiten mitschwingt. Vorsichtig tastet sich Mark Eitzel voran. Nach Sinn spürt man hier vergeblich und umgarnt stattdessen nur das kleine eigene Glück: "I know I will be in this place for the rest of my life." Aber genau dieser ist es wert, als Teil eines Ganzen auf der Karte verortet zu werden, um nicht im Strom des Vergänglichen unterzugehen. Welterfassung in kleinen Schritten. Die Gleichung geht auf.

(Björn Bischoff)

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Highlights

  • Like a river that's reching the sea
  • I miss you
  • Why I'm bullshit

Tracklist

  1. Buried treasure
  2. Like a river that's reaching the sea
  3. The blood on my hands
  4. I miss you
  5. I know there's someone waiting
  6. What do you got for me?
  7. The white of gold
  8. I live in this place
  9. Why I'm bullshit
  10. Remember
  11. Antennas
  12. Ronald Koal was a rock star

Gesamtspielzeit: 43:40 min.

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  • Mark Eitzel (4 Beiträge / Letzter am 15.04.2008 - 17:37 Uhr)