Bosque Brown - Baby

Bosque Brown- Baby

Fargo / Naïve / Indigo
VÖ: 20.11.2009

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Das Beste zum Fluss

Große Laber, Oder, Sülz, Emscher, Zwönitz, Hoppecke, Wipfra - es ist gar nicht so einfach, in Deutschland einen Fluss zu finden, nach dem man ernsthaft eine Band benennen könnte. In Texas hat man es da erheblich leichter, vor allem, wenn man wie Mara Lee Miller aus der Kleinstadt Stephenville kommt - durch die fließt nämlich ein Gewässer mit dem wohlklingenden Namen Bosque River. Und weil Millers Songs nicht nur ebenso elegant fließen, sondern auch eine in Americana, Country, Gospel und traditionellem Southern Folk verwurzelte Bodenständigkeit besitzen, hat sie ihrer Musik den soliden Nachnamen Brown gegeben. So eine hübsche Alliteration kommt ja immer gut. Ähnlich reizvoll gedoppelt werden hier und da auch Millers Vocals - und wer könnte das besser als ihre Schwester Gina Anne? Überhaupt scheint Musikalität in dieser Familie genetisch verankert zu sein: Die Mutter der beiden ist Klavierlehrerin, und der Daddy kann bestimmt "Old MacDonald had a farm" in allen Tonarten pfeifen.

Dass Miller als Sängerin und Songschreiberin entdeckt wurde, hat sie allerdings ihrem Gatten Ryan zu verdanken, der praktischerweise auch der Pedal-Steel-Mann in ihrer Band ist. Außerdem ist er wohl so ein ganz lässiger Typ, der nach Konzerten dem Künstler anerkennend auf die Schulter klopft und dann zufällig eine Demo-CD seiner Frau aus der Jackentasche zieht, die der Künstler dann netterweise sogar behalten darf. Die Telefonnummer kriegt er auch noch gratis dazu. So sind die Fans von heute - sie nehmen nicht nur, sondern geben auch. Und manchmal kriegen sie sogar etwas zurück. Zum Beispiel von Damien Jurado, dem Millers Lieder so gut gefielen, dass er für die Aufnahmen ihres Debüts "Bosque Brown plays Mara Lee Miller" seine Kontakte spielen ließ und auch höchstpersönlich mitmischte. Ganze vier Jahre sind Bosque Brown nun mit den 13 Liedern des Nachfolgers "Baby" schwanger gegangen - alleine die Aufnahmen dauerten 15 Monate.

Das Verrückte dabei ist: Man hört dem Album seine lange Tragzeit überhaupt nicht an. Es klingt, als hätte Miller mal eben Freunde und Verwandte zusammengetrommelt, die mit ein paar flugs geliehenen Instrumenten und einer Menge Rotwein nachts um halb eins in einer alten Kirche eine Backing-Band improvisiert haben. Genau genommen geht es auf "Baby" aber um nichts anderes als um Millers übergroße, eindrucksvolle Stimme, die - mit dem berühmten Hall of fame veredelt - einerseits außerordentlich durchdringend und charakterstark ist und andererseits eine enorme Verletzlichkeit offenbart. Und diesen ganz speziellen Country-Twang, der einem in Texas vermutlich schon in die Wiege gelegt wird. Auch die im Elternhaus gepflegte Religiosität und Spiritualität findet sich in Millers Songs wieder: "Strength is in my mercy / Even though it hurts me", singt sie im zweiminütigen, von einem Piano angeführten Opener "White dove", der dramaturgisch clever erst im letzten Stück "Soft love" wieder aufgegriffen und vollendet wird.

Der eigentliche Kunstgriff auf "Baby" sind jedoch die drei Parts des Zwischenspiels "On and off": Die Melodie bleibt die gleiche, der Text wird jeweils fortgesetzt, und mit jedem Teil kommt eine weitere Stimme hinzu. Klingt kompliziert? Ist im Grunde aber ganz einfach. Und so fesselnd, dass eines kaum auffällt: Die Backing-Band hat bei diesen drei Stücken wohl nur Rotwein getrunken, denn sie ist überhaupt nicht zu hören. Aber sie findet immer wieder Anschluss, vor allem zum wunderbar beschwingten "Train song", bei dem man kaum glauben kann, dass es sich um eine Eigenkomposition handeln soll - zu sehr klingt das Stück wie ein Klassiker, der schon seit Generationen gesungen wird. Und das denkt man auf "Baby" nicht nur einmal: Auch "Went walking" mit seiner melancholischen Roadmovie-Stimmung hat eine alte Seele. Trotzdem ist Millers Stimme in jeder Millisekunde im Hier und Jetzt, vor allem "Phone call" beweist ihre ungeheure Präsenz. Und natürlich gibt es mit "Oh river" eine Reminiszenz an den Namensgeber - wie jeder gute Song ist auch dieser allgemeingültig und beschränkt sich nicht nur aufs heimische Gewässer. Es könnte auch ein anderer Fluss auf einem anderen Kontinent gemeint sein. Sogar Große Laber, Oder, Sülz, Emscher, Zwönitz, Hoppecke oder Wipfra.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • White dove
  • Went walking
  • Train song
  • Phone call

Tracklist

  1. White dove
  2. Went walking
  3. So loud
  4. On and off (Part 1)
  5. Texas sun
  6. Whiskey flats
  7. On and off (Part 2)
  8. Train song
  9. This town
  10. On and off (Part 3)
  11. Oh river
  12. Phone call
  13. Soft love

Gesamtspielzeit: 39:59 min.

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