Old Canes - Feral harmonic

Old Canes- Feral harmonic

Saddle Creek / Indigo
VÖ: 13.11.2009

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Tschingderassabumms

Knapp daneben, so heißt es schon mal, ist auch vorbei. "Feral harmonic" von Old Canes ist das Dokument eines solchen Scheiterns. Knapp, aber trotzdem. Über Jahre hat Chris Crisci an diesem Album gesägt, gehobelt, gestückelt. Für Crisci, hauptberuflich Sänger von The Appleseed Cast, ist das nichts Neues. Auch den Songs seiner Band hört man an, dass an ihnen länger als eine Zigaretten-Pause im Proberaum herumdiskutiert wird. Umso erstaunlicher ist dieses Album , dessen Ecken so zerfranst sind, man könnte meinen, es wäre schon bei Neukauf aus zweiter Hand. Es sei mit seinem ehemaligen Besitzer in einer Plastiktüte von einem Ende der Welt ans andere gewandert. Und bei jeder dieser Reisen auf den Boden gefallen und in einer Pfütze ersoffen.

Wer vom Radioprogramm verwöhnte Ohren hat, sollte, nein muss vor dem Gang in den Plattenladen unbedingt schon mal die Ohrenschützer vorwärmen. Conor Oberst mag überrascht, schockiert und/oder amüsiert haben, als er damals sein teuer zu erstehendes "Lifted or the story is in the soil, keep your ear to the ground" zwischendurch knistern ließ wie eine gebrauchte Schallplatte für 50 Cent vom Flohmarkt. Er mag in eine grundsätzlich opulente Folkplatte noch so viele Verspieler und Querspieler einkalkuliert haben: Gegen dieses "Feral harmonic" hier wirkt das alles trotzdem fast schon konstruiert. Ein paar Sekunden nach einer Ausrede von "Intro", das auf den meisten Alben nicht mal als "Outro" gelistet würde, scheppern die Schlagzeug-Becken schon derart aneinander, man würde sich nicht wundern, wenn Old Canes sie nach den Aufnahmen in die Notaufnahme haben karren müssen. Chris Crisci lässt dazu gern sämtliche Gitarren auf Anschlag schrubben, verschluckt Basstöne bis auf die letzte Frequenz und würgt sie nicht wieder aus. Und das Klingeln so manchen Glockenspiels, das schon mal vergeblich gegen alle anderen Instrumente anrennt, das könnte sich bei Tinnitus-Patienten zu etwas Chronischem entwickeln. So viel vorweg, damit es später bloß nicht heißt, es hätte einen niemand gewarnt.

"Feral harmonic" mag Folk und Alt-Country sein. Es ist aber Krieg, der Kampf von laut gegen lauter, vor allem der Kampf von Song gegen Produktion. Dieses Album ist vielleicht kein Feldzug gegen die Überproduktionen dieser Welt, aber doch mindestens eine Trotzreaktion. Chris Crisci hat sich das genau überlegt. Folglich fängt "Feral harmonic" da an, wo in jedem großen Studio und bei jeder mittelgroßen Plattenfirma Schluss mit lustig ist. "Little bird courage" klingt wie Live-Musik aus einem Pub, die Crisci mit dem Nötigsten festgehalten hat. Bis sich gegen Ende ein Trompete auf Durchreise durch diese Barriere aus Theken-Geschepper, Barhocker-Getrommel und Launigkeit begibt, vergehen ein paar Takte. "Under" brechen Old Canes später einfach so ab, bevor es richtig begonnen hat. Und selbst Minimalismus-Momente wie der Banjo-Stresstest "Black hill chapel" sind als Gegen-Entwurf zu all den Platten konzipiert, die Phil Spector mit seinen Samenzieher-Streichern aufgeblasen hat.

Mindestens einmal während "Stuck" streitet sich Criscis Stimme selbst mit den Becken, die nicht aufhören wollen, zu scheppern, scheppern, scheppern. Oder mit der Trommel, die in einem Schweingsgalopp über diese Stücke zieht, als wäre "Feral harmonic" vor allem als Solo-Suite für Trommeln gedacht. Die Mundharmonika in "I will be the sun" hört man fast kaum. Doch spätestens bei all den wunderbaren Melodien, die man sich auf dieser Platte zusammensuchen kann und muss wie Ostereier, versagen Old Canes. Sie geben ihr Bestes, um zu vertuschen, aus welchem Holz die Songs an sich gemacht sind. Und scheitern auch deshalb bisweilen ziemlich grandios.

(Sven Cadario)

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Highlights

  • Little bird courage
  • Sweet
  • I will be the sun

Tracklist

  1. Intro
  2. Little bird courage
  3. The last collapse
  4. Trust
  5. Next flood
  6. Sweet
  7. Under
  8. I will be the sun
  9. Stuck
  10. Flower faces
  11. Black hill chapel
  12. Southern radio

Gesamtspielzeit: 39:54 min.

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User Beitrag
Miau
2010-11-29 11:33:42 Uhr
7"-Vinyl-Serie in Planung.
Sweet
2009-12-14 12:19:48 Uhr
Sweet ist ob seines 2.Teils auch mein Favorit.
toolshed
2009-11-26 05:28:08 Uhr
"Sweet" ist derzeit mein Fav, und irgendwie auch das Herzstück des Albums.
toolshed
2009-11-26 05:21:15 Uhr
Tatsächlich ein wundervoller Strauß an Melodien, dieses Dingen - möchte ich aber dennoch zu keiner Zeit gegen The Appleseed Cast eintauschen..
Sven
2009-11-24 05:36:53 Uhr
. Somit wäre mit einem Augenzwinkern formuliert, dass die Melodien die Stärke des Albums ausmachen.
Vielleicht habe ich mich aber auch total getäuscht :-)


Genau so ist es.
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