Robbie Williams - Reality killed the video star

Robbie Williams- Reality killed the video star

Chrysalis / EMI
VÖ: 06.11.2009

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Mehr drin

Wenn jemand eine Krise an einem Wort festmachen kann, dann ist das Robbie Williams. "Rudebox" hieß sein persönliches Martyrium, Drogencocktails waren lediglich eine Folge; die forcierte Alien-Jagd gelebte Realitätsflucht und die fehlende Lust am Touren ein Indiz für seine immensen Selbstzweifel. "Rudebox" hat ihm die Bühne unter den Füßen weggezogen, das Mikrofon aus der Hand gerissen und dem Entertainer die Spotlights ausgeknipst. Dabei war das vergangene Album in Sachen Verkaufszahlen keine Katastrophe, und auch musikalisch war nicht alles für den Restmüll. Der menschliche Filter selektiert allerdings nur selten das Positive, und so geriet das individuelle schwarze Loch größer und größer.

Drei Jahre später scheint Williams privat gesettlet, er hat eine Verlobte und somit Rückhalt. Der Entzug war erfolgreich, und Aliens jagt er auch zumindest nicht mehr öffentlich. "Reality killed the video star" klinge "fett", sagt Williams und verweist in Dankbarkeit an Produzent Trevor Horn (u.a. Frankie Goes To Hollywood, Seal und Simple Minds). Er hat Recht. Das Album klingt so fett, dass es "Rudebox" mit einer Backe platt sitzt. Das Songschreiberteam stellt eine ganze Fußball-Mannschaft, und die Chöre, Streicher und Bläser könnten eine ganze Liga bilden. Ein Großteil der Songs schickt frachtergroße Hymnen auf hohe See, kümmert sich dabei aber wenig um Ladekapazitäten. Der Hörer muss miterleben, wie das Schiff überladen vom sicheren Weg abkommt und halbseitig unter die Wasseroberfläche rutscht. Und wer einen Song ohne Streicher findet, gebe ihn bitte beim Fundbüro ab.

Gut erkennbar macht das die eigentlich gelungene Single "Bodies": Der dicke Beat schlägt eine Brücke zu "Lovelight" vom Vorgänger, überrascht mit gregorianischem Mönchsgesang und entlockt Williams ein selbstbewusstes "Yeah". Und obwohl der Song in den letzten 40 Sekunden unnötigerweise mit Streichern und Chören zugepflastert wird, gehört er Song zu den Highlights. "Jesus really died for you." Single Nummer zwei, "You know me", lässt im 70er-Soul-Background "Shoodooabs" und "Ahahs" umherspringen und ein Klavier umgarnen - abseits des orchestralen Pomps. "Only you know me" singt Williams und grüßt damit ungewollt den verlorenen Kumpel Guy Chambers. "Blasphemy" mit seinen flirrenden Klarinetten ist das einzige Überbleibsel der gemeinsamen, erfolgreichen Zusammenarbeit mit dem Produzenten und ertrinkt dank rausstechender Selbstironie nicht in Zuckerwatte: "I could learn a useful lesson / What's so great about the great depression? / Was it a blast for you? Because it's blasphemy."

Es muss also ohne Chambers gehen, partiell gelingt das auch. "Morning sun" lockt mit Mundharmonika und Vogelgezwitscher in die Prärie, öffnet einen Himmel voller Geigen und nutzt einen Elton-John-Pianopart: "Who am I to rate the morning sun?" "Deceptacon" wagt nicht zu viel, würgt den Orchesterschwang selbst ab und gönnt sich ein anderthalbminütiges Outro. "Last days of disco" geht eher als als B-Seite seiner Buddies von den Pet Shop Boys durch: "Don't call it a comeback / Look what I invented here." Williams weiß wohl, dass er keinen wirklichen Coup gelandet hat, sondern vielmehr eine Sicherheitsvariante seines Vorgängeralbums. "Rudebox" aber steckt er in die Tasche und düst mit dem mittelmäßigen Disco-Electro-Stampfer "Difficult for weirdos" in die Zukunft. "Psycho evolution, your pollution makes it difficult for weirdos / Just another humanoid reaction to the voices in this town." "Starstruck" bringt ein wenig Soul und Funk ins Popleben auf "Reality killed the video star", bleibt letztlich aber blutleer.

"Won't to do that" punktet mit einem glamourösen Trompeten-Satz, verspielt textlich hingegen leichtfertig jeglichen Kredit. "I don't mind when the boys look at you / If I was them I'd be doing it too / I mean more to you than handbag and shoes / So sorry, there's been a few." "Somewhere" steht in seiner einminütigen Existenz mutterseelenallein in der Albummitte. "Do you mind" kündigt "a song full of metaphors" an, bleibt nach dem Endlosschleifen-Gitarrenriff einer Status-Quo-C-Seite und dem EMF-Refrain aber jedwede Metaebene schuldig. So schön ein Lebenszeichen von Williams ist, so unbedacht ist die Formulierung des wankenden Entertainers, die Leute sollten sich bei seinem Namen an dieses Album erinnern. Sagt der Künstler egotherapierend - und übersieht, dass Verbesserung noch kein Superlativ ist. Und Pomp noch niemandem zum König gemacht hat.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • Morning sun
  • Bodies
  • Blasphemy

Tracklist

  1. Morning sun
  2. Bodies
  3. You know me
  4. Blasphemy
  5. Do you mind
  6. Last days of disco
  7. Somewhere
  8. Deceptacon
  9. Starstruck
  10. Difficult for weirdos
  11. Superblind
  12. Won't do that
  13. Morning sun reprise

Gesamtspielzeit: 51:23 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Hanne
2009-11-21 11:11:30 Uhr
Irgendwie ist die neue Robbie Singel ein böser abklatsch von dem was Ian Brown schon seit Jahren macht. Drumcomputer und Sprechgesag drüber und ein netter Refrain den man gerne schnell wieder vergißt. Stünde da nicht Robbie drauf, würde er genausoviel verkaufen wie Ian. Vielleicht klappts ja wieder mit Garry Barlow als Schreiber, der schafft es doch weiterhin ein paar eingänge Refrains zu schreiben, die zumindest drei Monate länger haften bleiben und bei FFH zwei Jahre gespielt werden.
polemi
2009-11-13 17:03:40 Uhr
@Grübler: hm.... Urmeinung in der Urgesellschaft?! hmm... der URmensch?!?! Der ist aber auch wieder blöde, weil nicht so richtig intelligent..
Grübler
2009-11-13 16:11:22 Uhr
wer hatte denn dann ganz am Anfang mal die Urmeinung?
HoHoHo
2009-11-13 16:06:06 Uhr
In unserer neoliberalen Republik gibt es "DIE GESELLSCHAFT" nicht!
tutu
2009-11-13 16:04:03 Uhr
von hacienda kling so wie bisschen gedankengut vonne ddr, sowie die partei hat imma recht und so
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