Maps - Turning the mind

Maps- Turning the mind

Mute / Rough Trade
VÖ: 23.10.2009

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Auf Tauchstation

Maps' "We can create" war eines der aufregendsten Musikereignisse des Jahres 2007. James Chapmans Debüt vereinte in cleveren Hymnen wie "Don't fear" Indietronics, Folk, Synthpop, Downbeat und Psychedelia, und wieder einmal schien die Zukunft auf Mute Records zu passieren. Das kann einem Menschen, der eben noch im eigenen Schlafzimmer an Songs gearbeitet hatte, durchaus zu Kopf steigen. Chapman reagierte darauf mit dem Selbsthilfeschutzreflex aller ambitionierter Musiker: mit einem Konzeptalbum. "Turning the mind" reist an Axonen und Synapsen vorbei ins Bewusste und Unbewusste. Die Songs handeln von Neurotransmittern und Gehirnhemisphären, von Zwängen und Psychosen, und nicht zuletzt von biochemischen Einflüssen auf unsere Steuerzentrale.

Die naiven Melodien und einlullenden Klangwolken, die diese dreizehn neuen Songs überbevölkern, dosierte der Vorgänger jedoch etwas erfolgreicher. Wo damals die Verwurzelung im Rock für gelegentliche Reibung sorgte, blitzen jetzt trotz der maßgeblichen Hilfe von Tim Holmes (Death In Vegas) polierte Flächen und manch blanke Schlichtheit. Im eröffnenden Titelstück umweht Chapmans Säuseln einen schlichten Beat, der allenfalls Erasure vor fünfzehn Jahren noch begeistert hätte. Und im Hintergrund schwellen gleich mehrere Synthesizer gegeneinander an, als wäre der Endgegner eines bonbonbunten Nintendo-Konsolenspiels im Anmarsch. Die Single "I dream of crystal" macht sich da sehr viel besser als Stellvertreter-Track: "So get the fuck of my case / Yeah, she is electric", jauchzt Chapman eine neonfarbene Geflacker, und der verschlurfte Groove fördert die friedliche Koexistenz von OMD-Synths und The-Cure-Gitarren.

Mit "Let go of the fear" und "Love will come" wollen sich zwei halbstarke Future-Pop-Songs in den Club mogeln. Immerhin hat letzteres schon den Stimmbruch hinter sich, aber den profunden Bass teilen sie sich schwesterlich. Schlicht, aber effektiv. "Papercuts" räkelt sich an einer gedämpften Bassdrum in die Höhe, bis ein ausgemachtes Scheppern und Flirren überhand nimmt und den Song zum Drama macht. Labelchef Daniel Miller persönlich verschaffte den dunklen Schritten von "Nothing" eine dezente Depeche-Mode-Anmutung. Und "The note (These voices)" verschiebt sein helles Zwitschern gegen den Beat, bis der Refrain in die seligsten Achtziger davonschwebt.

Dennoch ist "Turning the mind" nicht das zweitbeste, sondern eher das zweitklebrigste britische Popalbum des Jahres. Es stellt sich möglichem Unbehagen mit einer derartigen Ladung an Stimmungsaufhellern, Weichzeichnern und Happy-Go-Lucky-Pillen in den Weg, dass die Grenze ins Überkandidelte pulverisiert wird. "Valium in the sunshine" klingt genauso verschnarcht und pappig, wie man sich das mit dicken Filzstiften ausmalen muss. "Chemeleon" hat schwere Sägezahn- und Rechteckswellen geladen, hat aber eher das Gewicht von Baiser und Luftschokolade. Und das Freak-Wiegenlied "Die happy, die smiling" ist mit den aufgebretzelten Harmonien, den New-Age-Texturen und seinem maroden Um-die-Ecke-Wumms völlig over the top. Wenn direkt am Gehirn operiert wird, muss mit Wahrnehmungsstörungen gerechnet werden. Depressionen aus Wohlklang.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • I dream of crystal
  • Let go of the fear
  • Papercuts
  • Nothing

Tracklist

  1. Turning the mind
  2. I dream of crystal
  3. Let go of the fear
  4. Valium in the sunshine
  5. Papercuts
  6. Love will come
  7. Everything is shattering
  8. Nothing
  9. The note (These voices)
  10. Chemeleon
  11. Die happy, die smiling
  12. Without you

Gesamtspielzeit: 58:59 min.

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