Lou Barlow - Goodnight unknown

Lou Barlow- Goodnight unknown

Domino / Indigo
VÖ: 02.10.2009

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Der Understatesman

Lou Barlow ist ein Mensch, den man sich stets hinten in irgendeiner Ecke vorstellt. Grübelnd, abwartend, sich das Treiben betrachtend. In der Hocke, vornehmlich. Bereit zum Sprung und zum Verweilen gleichermaßen. Mit Sebadoh, Folk Implosion und zuletzt auch solo erkämpfte er sich einen ganzen Haufen dieser so typischen kleinen, großen Platten. Zunächst Lo-Fi-Erfinder, dann Lo-Fi-Beharrer, schließlich Lo-Fi-Ästhet - beinahe scheint es, als sei Barlows Musik der Stolperstein, den er sich beständig selbst in den Weg legt. Die Hürde, die er nehmen muss. Und paradoxerweise stapelte er in Sound und Produktion stets denkbar tief, um als Arrangeur möglichst hoch springen zu können. Mit "Goodnight unknown" gelingt ihm das erneut vortrefflich.

Wobei die Vier-Spur-Tage sicherlich vorbei sind. Barlow aber verschiebt das Understatement einfach ins Innere seiner Songs. Oft genug wirft er sie erst zu den Schlusstakten in einen überbordenden Melodiebogen. Seinen Mitteln bleibt er aber auch hier erfreulich treu. Da werden keine Streicher reingeklotzt, keine Orgelgebläse oder Sound-Trallalas angeschmissen. Eine simple Keyboardmelodie reicht, eine gedoppelte Gesangsspur oder auch eine chorale Ablenkungsfigur - und schon drehen sich Songs wie "Take advantage" oder "Too much freedom" einmal um sich selbst und strahlen nach der Hüftumrundung über alle Backen gleichzeitig.

Bei all der lyrischen Grübelei und folkrockenden Melancholie, die "Goodnight unknown" ansonsten mit sich herumbuckelt, kann man das schon ein kleines Prinzip Hoffnung nennen. Selbst der den Beginn der Platte fordernd herbeiklopfende Noise-Pop von "Sharing" nimmt mit ein paar zusätzlichen Melodie-Tupfern plötzlich eine ganz andere, hymnische Richtung. Was beileibe nicht heißen soll, dass auf "Goodnight unknown" ansonsten wenig passiert. Das Album entwirft mit Wonne ein Klanguniversum aus kleinen Klacker- und Zirpereien, kugelt sie aber stets rhythmisch tight und harmonisch unauffällig durch die Songs. Das könnte ein Reibungswiderstand sein, den Barlow mit den ohnehin schon sacht kratzenden Gitarren und dem oft genug kurz vor der Übersteuerung pumpenden Schlagzeug überkreuz denken muss, um seinen Liedern das Fließen beizubringen.

Bei "Gravitate" oder "One note tone" scheint Barlow den Resonanzkörper seiner Akustischen mit Stahlschwämmen ausgepolstert zu haben - so erbarmungslos schreddern sie sich durch die Akkorde, ergeben dann aber doch einen sehr voluminösen Songkörper. Melvins-Drumgetier Dale Crover schlägt dazu die Beats stoisch, ohne jeglichen Prominenten-Bonus. Lisa Germano singt den Background des hervorragenden "Too much freedom" mit jeder Silbe derart perfekt unter Barlows Timbre, dass ihre Anwesenheit wirklich niemandem auffällt. Schließlich braucht der Song noch Platz für mehrere sich verwischende Trauerkloßgitarren und zwei (!) einsame, ins eigene Verschwinden hinein angeschlagene Glockenspieltöne. Eine weitaus prominentere Rolle spielen da schon die Gitarrenfiguren Imaad Wasifs, bereits Mitstreiter auf "Emoh" und der letzten Folk-Implosion-Inkarnation. Mit ihm trifft sich Barlow mittlerweile im blinden Verständnis.

Für den Hörer ergibt das wenig mehr als ein Suchspiel, derart eng sitzen die Abweichungen im Mix. Es ist ein Trick, den Barlow lediglich für sich selber spielt. Um sich zu kitzeln, herauszufordern. Denn er ist nach wie vor ein großer Überwinder. Ein Erzwinger seiner äußerst ge- und beglückten Musik. "It's okay / It's okay / It gets older every day / And what you did won't be what you're remembered for", besingt er, allein von Akustigitarre und einem unwiderstehlichen Basslauf begleitet, den Schlussakkord der Platte. Es ist das kleinste Lied auf "Goodnight unknown". Und selbstverständlich eines der ganz großen.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Sharing
  • Too much freedom
  • The right
  • Take advantage
  • One note tone

Tracklist

  1. Sharing
  2. Goodnight unknown
  3. Too much freedom
  4. Faith in your heartbeat
  5. The one I call
  6. The right
  7. Gravitate
  8. I'm thinking...
  9. One machine, one long fight
  10. Praise
  11. Take advantage
  12. Modesty
  13. Don't apologize
  14. One note tone

Gesamtspielzeit: 37:54 min.

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rainy april day
2009-11-04 23:26:09 Uhr
Sehr schöne Rezension. Ich werd mal reinhören. Hätte ich wohl ansonsten nicht getan.
thesos
2009-11-03 20:31:45 Uhr
ich hab's gehört und bin etwas enttäuscht. das plätschert so vor sich hin, ganz grosse Songs find ich auch nicht (am ehesten vielleicht The one I call und I'm thinking). Auch vom Sound und von den Ideen Stagnation.
modestmarc
2009-10-13 22:56:29 Uhr
Das Album ist heute endlich bei mir angekommen und habe es jetzt mehrmals angehört. Ist sehr abwechslungsreich ausgefallen und ich bin wirklich begeistert, gefällt mir sehr sehr gut, vielleicht noch besser als Emoh. Eigentlich folgt ein toller Song dem anderen, Favoriten zu nennen fällt mir jetzt noch schwer. Wird es eigentlich hier auf plattentests noch bewertet werden?
beule
2009-10-09 11:15:51 Uhr
"The Right" is echt nicht schlecht :D

*freu*
virginia
2009-09-24 20:21:01 Uhr
http://www.npr.org/templates/story/story.php?storyId=113039797

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